Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Die Träumerei

Von einem kleinen Hotel und Café, das innen größer ist als außen.

Wenn du beginnst zu träumen, erwartet dich das Unerwartete und das Unmögliche wird möglich. Raum und Zeit lösen sich auf. In Michelstadt ist so ein Traum wahr geworden und lädt Gäste ein, mit zu träumen. Doch lies und sieh selbst.

Nur wenige Meter hinter dem berühmten Michelstädter Rathaus teilt ein altes Fachwerkhaus eine Seitenstraße so wie eine Insel einen Fluss teilt. Links und rechts fließt das unregelmäßige Kopfsteinpflaster wellenförmig an ihm vorbei. Hölzerne Hirschzungen (Holzschindeln) bedecken seine gesamte Fassade in zartem Pastellton, dessen Farbe sich im Laufe des Tages ständig zu ändern scheint. Die Konturen des Gebäudes werden in kräftigem Flieder betont – klar, aber doch irgendwie sanft. Hier ist etwas anders. Fünfziger Jahre? Mittelalter? Nichtzeit? Allzeit? Du stehst vor der Träumerei. Und wenn du es nicht selbst gemerkt hast, verrät es dir die Beschriftung in angemessener Zurückhaltung.

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Erster Traum: das Haus

Das Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert ist schon lange unbewohnt. Seit zwanzig Jahren? Seit dreißig Jahren? Aber was ist Zeit? Das Haus beginnt zu träumen. Es träumt davon, wieder bewohnt zu werden. Und vom Lachen der beiden Mädchen aus der Nachbarschaft, die immer mal wieder scheu herüber blicken und dann so schnell wieder verschwinden. Viel zu schnell.

 

Das Café

Du öffnest die Tür und betrittst ein Café, das du in Berlin erwartest, aber in Michelstadt gefunden hast. Zwischen dem sichtbar gehaltenen Fachwerk haben es sich moderne, hölzerne Möbel bequem gemacht und ein wunderbar ungezwungenes Spiel zwischen den alten, krummen Balken und gradlinigem Design entstehen lassen. Es duftet nach frisch Gebackenem, nach Kaffee und Tee. Und aus der kleinen, offenen Küche hinter dem Tresen empfängt dich ein so freundliches Lachen, wie du es in Berlin nicht erwartet, aber in Michelstadt gefunden hast.

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Zweiter Traum: die Schwestern

Zwei junge Frauen, zwei Schwestern, haben ihre Heimat verlassen, um in der Fremde ihr Glück zu machen. Sandra als Gastronomin, Jessica als Schauspielerin. Beide gehen ihren Weg. Konsequent, energisch. Aber immer wieder träumen sie von Zuhause und manchmal von dem alten Haus in der Nachbarschaft, von dem sie immer dachten, dass es darin spuke.

 

Das Hotel

Die Zimmer sind nicht groß, sie sind großartig. Schon ihre Namen führen wahrscheinlich zu Purzelbäumen deiner Phantasie: Jademansarde, Goldspeicher, Elfenbeinzimmer, Malvensuite, Vergissmeinnicht. Und tatsächlich siehst du sofort, dass keins der fünf Zimmer ist wie das andere. Jedes hat einen ganz eigenen Charakter, aber in jedem spürst du den Spaß an der Entstehung. Wie sich die beiden Schwestern und ihr Designer ausgetobt haben. Wie sie sich ausgemalt haben, darin zu wohnen – nicht nur zu übernachten. Lustvoll. Liebevoll. Bis ins Detail.

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Dritter Traum und gemeinsames Erwachen

Aus dem alten Spukhaus etwas zu machen, das in der Heimat bisher nicht existiert – das ist nicht nur ein Traum, das ist ein schöner Gedanke. Und durch schöne Gedanken – gewürzt mit einer Prise Feenstaub, wie wir aus „Peter Pan“ wissen – lernt man zu fliegen. Man lernt, Dinge zu bewegen.

Jessica und Sandra Schwarz erwachen. Sie haben den Feenstaub durch Ideen, Energie und Konsequenz ersetzt. Aus dem Spukhaus wird ein Hotel und Café, design-orientiert und besonders, aber nicht abgehoben.

Das alte Haus erwacht. Es hört viele Stimmen. Spürt jede Berührung, jede Veränderung. Und es fühlt sich gut an – dieses Leben in ihm. Diese Zukunft. Und da sind ja auch die Mädchen aus der Nachbarschaft. Und ihr Lachen.

  

Die Nachbarschaft

An sonnigen Tagen vervielfachen sich die Plätze des Cafés und du bekommst an den Tischen vor der Träumerei alles, was drinnen für dich gemacht wird. Für ein frisch gezapftes Bier musst du nur rüber rutschen – gleich nach nebenan. Auf die Bänke der Hausbrauerei der Familie Schwarz. Hier gibt es das „Michelstädter Rathausbräu“ und deftige Speisen.

Im Herbst wird Küchenmeister Christopher Keylock – ihr kennt ihn aus vielen unserer Berichte – gleich um die Ecke seine Kochschule eröffnen. Und Ende November ist dann wieder Zeit für einen der romantischsten Weihnachtsmärkte überhaupt – direkt vor den Türen der Träumerei. Was willst du mehr? An diesem gastro-kulinarischen Hotspot. Hier. Mitten im Odenwald.

 

Vierter Traum: es geht weiter

 Es sind nur ein paar Schritte vom Café. Da steht ein weiteres Haus seit einiger Zeit leer und kann es gar nicht erwarten, Teil der „Träumerei“ zu werden. Vielleicht ist es Ende 2016 schon so weit. Jessica und Sandra schmieden jedenfalls wieder mit dem Designer Johannes Müller-Baum aus Berlin Pläne. Schwelgen in Ideen und Stoffen, suchen nach Möbeln und Accessoires, haben einen riesigen Spaß und träumen davon, wie es weitergeht.

 

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Die Illustrationen stammen von Christoph Grundmann aus Darmstadt. Vielen Dank dafür – mit der Hoffnung auf mehr.

(Beim Schreiben u.a. gehört: „The Windmills Of Your Mind“ – von Michel Legrand komponiert, von Noel Harrison interpretiert, mit Oscar prämiert und … von mir gehört)

 

 

1 Kommentar zu “Die Träumerei

  1. Wow, wie toll. Ich bin immer wieder erstaunt, was für neue schöne Sachen ich hier entdecke und kennenlerne. Da werde ich sicher bald mal das Café besuchen.
    Herzliche Grüße,
    Lena

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