Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Duell

Vom Fliegenfischen an der Mümling

Beide sind auf der Jagd. Fisch und Fischer. Der eine ist hungrig, der andere erfolgshungrig. Denn Fliegenfischern geht es nicht um die Beute, sondern lediglich darum, als Sieger aus dem Duell mit dem Fisch hervorzugehen.

 

Ende Mai im Odenwald. Einige hundert Meter nordöstlich vom Steinbacher Schlosspark. Wir sitzen unter dem Vordach einer Hütte an der Mümling. Es gießt wie in Strömen. Das hat sich schon den ganzen Morgen angekündigt und jetzt hat sich der Himmel aufgetan. Doch Hitze und Schwüle verschwinden nicht wie erhofft. Dickfellig haben sie es sich um uns herum bequem gemacht. Fotograf Hans-Georg Merkel nutzt die Zeit für Detailaufnahmen, Michael Frank übt sich währenddessen im Catering. Er tischt gewaltig auf: Wurst, Kochkäse mit Musik, Brot, Rohkost und mehr. Ich esse lieber nur ein Meisterpils und habe endlich die Gelegenheit mit Sven Hartmann zu reden. Der passionierte Fliegenfischer aus Steinbach hat uns an die Mümling mitgenommen, obwohl er beim Fischen eigentlich lieber seine Ruhe hat.

Sven Hartmann, Fliegenfischer aus Steinbach

„Nach dem Regen ist’s am besten“, sagt er. „Der Regen spült nämlich Ameisen von den Blättern auf die Wasseroberfläche der Mümling. Und dann kommen die Fische zum Fressen.“ Aber noch regnet es heftig.

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Sven drückt mir die Rute in die Hand. Die wiegt etwa so viel wie eine Tafel Schokolade, denke ich. Tatsächlich sind es auch etwa einhundert Gramm. Und jedes Gramm davon kostet rund Sechs Fuffzig. „Aber dafür hast du lebenslange Garantie darauf“, sagt der Fliegenfischer.

Wir haben Sven Hartmann an der Forellenteichanlage Finkenbachtal kennengelerntund den heutigen Termin vereinbart. Er ist eigentlich Maurermeister und arbeitet als Bauleiter in einem Betrieb mit etwa fünfundzwanzig Mitarbeitern. Aber wenn es die Zeit zulässt, ist er am oder im Wasser. Tages- oder Jahreszeiten sind ihm egal. Und seine Familie hat Verständnis, sagt er. So wie am heutigen Samstag.

 

Fisch und Fischer sind voll in ihrem Element

Am Vormittag haben wir uns mit ihm getroffen, um einmal dabei zu sein – beim Fliegenfischen im Odenwald. Zwischen Zell und Michelstadt sind dann die ersten Aufnahmen entstanden: Der Fotograf bis zur Hüfte im Wasser, der Fliegenfischer am Ufer der Mümling, Michael Frank und ich in der drückenden Hitze außerhalb des Kamerasuchers. Und greifbar über uns bereits das drohende Unwetter, angekündigt von ganz offizieller Stelle.

Konzentriert sucht Sven Hartmann im Wasser nach Fischen und spürt sie auch schnell auf. Dabei helfen ihm seine Erfahrung und eine polarisierende Brille zur Entspiegelung der Wasseroberfläche. „Forellen verstecken sich gern hinter Steinen im Wasser, Äschen lieben eher wechselnde Strömungsverhältnisse.“

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Hat er einen Fisch erspäht, gibt er der Angelschnur die richtige Länge. Mit zwei oder drei Schwüngen der Rute bringt er dann die Fliege genau ins Ziel. Das alles geht ohne Hast in einem ganz eigenen Rhythmus vor sich – meistens mit sofortigem Erfolg. Und bevor der Fisch kapiert, dass er gerade ausgetrickst worden ist, schwimmt er auch schon wieder seines Weges.

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Der Achtunddreißigjährige angelt seit er siebzehn wurde – heute fast nur noch mit der Fliege. „Beim Fliegenfischen ist man aktiver“, sagt er. „Den Fisch überlisten – das ist einfach interessanter.“

Es gilt Hunger und Neugierde des Fisches auszunutzen. Und das beginnt bereits mit der Auswahl der richtigen Fliege. Denn dem Fisch soll ein schmackhaftes naturgetreues Menü vorgegaukelt werden – eins, das seinen Jagd- und Fressgewohnheiten entspricht. Da gibt es große Unterschiede, die sich je nach Fischart, Region oder Gewässer ergeben.

Für nahezu jeden Zweck kann man fertige Fliegen kaufen oder man bindet sie wie Sven selbst. Dabei verwendet er die unterschiedlichsten Materialien: Blei, Wolfram, Drähte, Entenbürzel, Latex, Kunststoff und vieles mehr. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Hauptsache es weckt den Appetit der Fische, schmecken muss es ihnen ja nicht.

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Und dann muss man es dem Fisch einfach machen und die Fliege so anbieten, dass sein Fressimpuls ausgelöst wird. Sven trifft auf fünf Meter Entfernung punktgenau die Fläche einer Zigarettenschachtel.

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Selbst ist der Fliegenfischer

Der Regen prasselt immer noch auf das Dach der Hütte, als Sven der Ordnung halber erwähnt, dass er im Besitz eines Fischerei- und Gewässerscheins ist – ohne das geht nämlich auch Fliegenfischen nicht. Er ist auch Mitglied im Angelverein, aber da wird eigentlich in erster Linie konventionell geangelt.

Das Fischen mit der Fliege hat er sich selbst beigebracht. Bücher, Zeitschriften und DVDs waren seine Lehrmeister und viel Übung natürlich. Er erzählt von Trockenübungen, von großen Fischen in Bosnien und von diebischen Kormoranen. Wir hören zu, fragen nach und kapieren mal wieder längst nicht alles.

Während wir so plaudern, nähert sich eine Abordnung des Altenpflegeheims „Haus Bonum“. Es stellt sich heraus, dass die Hütte dazugehört. Und nun möchte man wissen, wer sich denn da so breit macht. Alles klärt sich schnell und man bietet uns sogar Kaffee und Kuchen an. Das finden wir sehr nett, lehnen aber dankend ab. Denn der Regen lässt nach und wir wollen wieder ans Wasser. Schließlich sind wir zum Fliegenfischen hier, also Sven zumindest. Wir eher zum Gucken und Fragen und Fotografieren. Und so machen wir das dann auch noch einige Zeit.
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Und dann – das Wort zum Schluss

Mehr als anderthalb Millionen Touristen haben die oscarprämierten Bilder des Films „In der Mitte entspringt ein Fluss“ inzwischen nach Montana gelockt. Fliegenfischen ist populärer als je zuvor. Aber dazu muss man nicht in die Staaten fliegen oder in die Highlands fahren. Gut, die Fische in der Mümling sind nicht so groß wie in Bosnien oder Montana. Aber Bier, Wein und Äppler sind hier um einiges besser. Und die Mümling hat einen unbestreitbaren Vorteil. Sie liegt direkt vor der Haustür von Frankfurt und Mannheim. Und vor der von Sven Hartmann aus Steinbach.

Der Fisch wird gleich wieder ins Wasser entlassen.

Fotografiert hat Hans-Georg Merkel, gefischt hat Sven Hartmann, aufgetischt hat Michael Frank und ich habe tierisch geschwitzt. An diesem schwül-heißen Tag an der Mümling. Bei Michelstadt. Im Odenwald.

(Beim Schreiben u. a. gehört: den Song „Tin Man“ und das ganze Album „Holiday“ vom America)

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