Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Ihr könnt jetzt „Sör“ zu mir sagen

Vom Ritterschlag und dem Kreiswälder Brennerzertifikat
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„Das Leben ist zu kurz, um etwas Schlechtes zu trinken.“ Dieses etwas abgewandelte Goethe-Zitat könnte durchaus der Leitsatz sein, wenn man dem erfahrenen und anspruchsvollen Edelbrenner Gerhard Fritz zuhört, während er im Odenwaldgasthaus „Zum Kreiswald“ kurzweilig Wissenswertes über die Destillation von Edelbränden präsentiert. Und man muss nicht nur zuhören. Man darf auch schnuppern, probieren, genüsslich ein leckeres Viergang-Menü verputzen und sich zum Ritter schlagen lassen – zum Edelbrandritter.

 

Endlich Ritter. Als Kind war meine erklärte Lieblingsserie „Sir Francis Drake“ – der hat es den Spaniern immer mächtig gegeben. Und den Spionen. Und so. Das wollte ich auch werden. Hat aber nicht geklappt – bis jetzt. Jetzt bin ich Edelbrandritter. Also, ihr Pack da draußen, hütet euch, mir zukünftig Schlechtes zu trinken vorzusetzen.

Die korrekte Anrede lautet übrigens „Sir Hobein“ und wenn wir schon einmal zusammen gebechert haben, vielleicht „Sir Thomas“ – also wenn ich mir erlaube es zu erlauben. Das weiß ich, weil ich mal mit Sir (Peter) Ustinov fünf kurze TV-Spots gedreht habe und gegen Ende der Zusammenarbeit durchaus „Sir Peter“ verwenden durfte. Doch kommen wir zu Sache.

 

Wie alles begann

Ich verlasse in Rimbach die B 38 und folge dem Schild, das nach Kreiswald weist. Während ich die letzten dreieinhalb Kilometer Berg-und-Tal-Bahn hinter mich bringe, denke ich daran zurück, wie alles begann. Das war im Herbst 2016 in Groß-Umstadt, als in der Odenwälder Winzergenossenschaft die Riesling-Sonderabfüllung für die Odenwald Gasthäuser präsentiert wurde. Gerhard Fritz lud uns zu sich in den „Kreiswald“ ein. Doch kam immer wieder etwas dazwischen – von Urlauben bis zu Grippewellen. Jetzt bin ich endlich unterwegs, aber allein, denn einer meiner Partner dümpelt durch Südfrankreich und der andere wartet zuhause auf das erste Kind – werde ich eben allein Ritter. Verbeugt euch oder werdet es auch.

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Im Kreiswald angekommen betrete ich die Brennerei, die gegenüber dem Gasthaus liegt. Gerhard Fritz ist schon mächtig zugange und hat die Brennanlage schon in Betrieb genommen. Heute wird ein Apfelbrand aus Apfelwein entstehen, denn Obstbrand wird aus Obstwein (wie z. B. Calvados aus Cidre) oder aus Obstmaische destilliert, aber das lerne ich erst später.

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Wir haben noch etwas Zeit für einige Informationen bevor die Gäste kommen. Edelbrände entstehen hier seit 1866. Am Anfang werden in erster Linie Obst-, Getreide-, Kartoffel- und Hefebranntweine hergestellt. Heute verarbeitet Gerhard Fritz vorwiegend das Obst der eigenen Streuobstwiesen. So kann er täglich kontrollieren, wann das Obst genau den richtigen Reifegrad hat, um eingemaischt zu werden. Damit stellt er sicher, dass nur beste Qualität in den Brennkessel kommt – und die ist, wie beim Keltern, Brauen oder Kochen, eben auch beim Brennen die Voraussetzung für ein richtig gutes Ergebnis. Die vielen Auszeichnungen an den Wänden der Brennerei weisen eindrucksvoll darauf hin, dass das kein Gebabbel ist, sondern wahre Brennerkunst und Leidenschaft. Und wenn du dann probierst … doch davon später.

 

Der Spaß beginnt

Langsam belebt sich die Brennerei. Die Gäste setzen sich aus einer Darmstädter Geburtstagsgesellschaft und Bekannten der Familie Fritz zusammen. Niemand hat Einwände dagegen, dass ich fotografiere. Danke auch an dieser Stelle noch einmal an alle dafür.

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Die Tische sind gedeckt und vor jedem Gast liegt ein Fragebogen, der im Lauf der Veranstaltung ganz korrekt oder wenigstens ziemlich korrekt ausgefüllt werden muss. Spicken ist jedoch möglich, wenn nicht sogar notwendig, wie ich selbst feststellen muss.

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Dann hebt Edelbrenner Fritz zum Vortrage an und lockt Hörerinnen und Hörer in die Welt der Brände, erzählt von ihrer Herstellung und den Fallstricken, vom Unterschied zu industriellen Produktionen und von den natürlichen Feinden aller Brenner – den Zöllnern. Mal augenzwinkernd und mal ernst entwirft er so für das Publikum ein saftiges Bild seiner Zunft und seiner Handwerkskunst – während hinter ihm unaufhaltsam das Destillat aus der Anlage in den metallenen Auffangbehälter tröpfelt.

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Gerhard Fritz hat nicht nur einen Lauf, sondern drei

Wir bekommen drei Gläser vor die Nase gestellt – nicht etwa um unseren Durst zu löschen, sondern nur um die Inhalte zu erschnüffeln. Der Geruch des einen sticht dir ungebremst ins Hirn. Dabei handelt es sich um den sogenannten Vorlauf, das ist das erste ungenießbare Destillat des Brennprozesses.

Aber beginnen wir auch hier von vorn. Die Trennung von Alkohol aus Maische oder Wein durch Destillation nennt man Brennen. Dabei soll eine möglichst leckere Flüssigkeit aus Alkohol, Wasser und Aromaten erzeugt werden. Dazu bringt man das Ausgangsprodukt langsam zum Sieden. Der dann entstehende Dampf wird in einem Kondensator durch Abkühlen wieder verflüssigt und aufgefangen.

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Innerhalb dieses Prozesses verdampfen zuerst Stoffe wie das gefährlich giftige Methanol. Und dieses erste Kondensat nennt man, wie oben erwähnt, den Vorlauf. Der ist zwar nicht trinkbar, kann aber durchaus weiterverarbeitet werden, um daraus Mittelchen zum „ äußerlichen“ Einreiben herzustellen.

Wenn die Temperatur im Kessel steigt, trennt sich endlich das Ziel der Brennerwünsche – der hochwertige Mittellauf (ein etwa fünfundsiebzigprozentiger Alkohol), aus dem der Brand gewonnen wird. Er wird mit Wasser auf den gewünschten Alkoholgehalt verdünnt, aber gefälligst niemals unter 37,5 %.

Der höhersiedende Nachlauf bildet den Abschluss, der dann glücklicherweise die zu Kopfschmerzen führenden Fuselöle für sich behält.

 

„Saulecker. Saulecker. Saulecker. “

Und während den Gästen das Brennen näher gebracht wird, tischen Frau Fritz und eine Mitarbeiterin auf. Der erste Gang ist eine herzhafte Quiche mit einem frischen Salat. Das geht richtig gut los.

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Etwas später folgt eine Suppe. Die wird zuerst ganz still gelöffelt, aber dann setzt ein Echo (echt jetzt) ein: „Saulecker. Saulecker. Saulecker. Saulecker.“ Gemeint die Apfel-Meerrettich-Suppe mit Forellenstücken. Und die ist – ihr ahnt es schon – saulecker.

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Der Hauptgang besteht aus geschmorten Ochsenbäckchen an Zwetschgensauce, Kartoffelgratin und einer Gemüsebeilage. Das Fleisch so zart und die Sauce … oh Mann, die Sauce.

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Der abschließende Gang ist eine Dessert-Variation aus Eis und Sorbet – cremig, fruchtig, frisch und nicht aus Heppenheim. Für mich persönlich ist dabei das nicht so süße Apfelsorbet der Held.

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Der Ritterschlag

Inzwischen werden die Fragebögen eingesammelt. Ich habe mindestens einen Fehler – ich konnte leider beim Probieren den Korn und den Brand aus Bohnapfel, das ist eine traditionelle Apfelsorte, nicht auseinanderhalten – wie übrigens wohl viele der anderen Gäste auch. Ritter bin ich trotzdem.

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Denn wie alle anderen Gäste muss ich vortreten und vor dem Brenner niederknien, werde feierlich zum Edelbrandritter geschlagen und erhalte mein Kreiswälder Brennerzertifikat. So, und jetzt kommt ihr.

Wenn ihr also einen ebenso interessanten wie vergnüglichen und leckeren Abend im Odenwald verbringen wollt, dann gehet hin zum Kreiswald und werdet Ritter – zum Beispiel wenn ein Bierbrand vom Amber der Weschnitztaler Jungs entsteht. Die Termine und die Kontaktdaten zur Anmeldung findet ihr auf der Homepage des Landgasthauses.

Und denkt stets ritterlich – hier geht es nicht um Rausch, sondern um genüssliche Erfahrung.

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Ich danke und erhebe hier am Schreibtisch mein Glas auf Familie Fritz, die Brennerei und das Gasthaus. Im Glas befindet sich deren hauseigener Zigarrenbrand aus Äpfeln im Limousin-Eichenfass gereift mit 47,8 % Vol. Alkohol. Es wird wohl noch ein zweites Glas werden.

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Geschnüffelt, geschlemmt, getrunken und fotografiert hat Thomas Hobein.

(Beim Schreiben u.a. gehört: „Homesick“ von den „Kings of Convenience“)

1 Kommentar zu “Ihr könnt jetzt „Sör“ zu mir sagen

  1. Vielen Dank Edelbrandritter Thomas.
    Es freut uns, dass Essen , Brände und der Ritterschlag so gut angekommen sind 🙂

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