Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Liebigs Fleischextrakt

Aus dreißig Kilo bestem Rindfleisch wird ein Kilo Konzentrat
Liebig Fleischextrakt

Dem 1803 in Darmstadt geborenen Justus von Liebig verdanken wir nicht nur meinen so ungeliebten Chemie-Unterricht, sondern auch ein Fleischkonzentrat, das bis zum heutigen Tag ohne den Zusatz von Fremdstoffen produziert wird. Man kann daraus Fleischbrühe herstellen oder Suppen und Saucen damit pimpen. Heute haben billigere pflanzliche Würzen wie Maggi oder Knorr dem Fleischextrakt Liebigs wirtschaftlich den Rang abgelaufen, aber nach echtem Fleischextrakt schmecken diese Surrogate wahrlich nicht gerade.

Ich wohne nun seit 1999 in der Liebigstraße im Darmstädter Johannesviertel und ich wusste, dass Liebig nicht nur der Erfinder der gleichnamigen Straße war. Er machte aus der Chemie eine exakte Wissenschaft und erfand den experimentellen Chemie-Unterricht, so wie man ihn prinzipiell auch heute noch durchführt. Dass er auch ein Pionier in der Entwicklung von Phosphatdünger war und dass einer seiner Schüler, Eben Norton Horsford, das Backpulver erfand – davon wusste ich nichts und schon gar nichts von dem Fleischextrakt.

 

Eine neue Fleischbrühe für Kranke

Justus von Liebig arbeitete seit den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts an einem konzentrierten Fleischtrank. Neu an seiner Idee war, dass er den Nährwert des Fleisches möglichst vollständig erhalten wollte. Und dazu entwickelte er schonende Methoden, das Fleisch zu behandeln.

Nach jahrelanger Arbeit bot sich ihm 1853 die Möglichkeit, sein Extrakt in der Praxis auszuprobieren. Emma, die Tochter eines Bekannten war an Cholera erkrankt und konnte keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen. Der Chemiker verabreichte dem Mädchen seinen kräftigenden Fleischtrank und tatsächlich erholte sich Emma vollständig.

Diesen Erfolg veröffentlichte Liebig unter dem Titel „Eine neue Fleischbrühe für Kranke“ in den „Annalen der Chemie“, die von ihm selbst herausgegeben wurden. Liebig war eben nicht nur ein genialer Wissenschaftler, sondern auch ein grandioser Selbstdarsteller. So war er beispielsweise 1845

auf eigenen Wunsch vom hessischen Großherzog für seine Verdienste mit dem Titel Freiherr geadelt worden. Und sein Fleischextrakt wollte er jetzt in jedem Fall groß rausbringen.

Die Königliche Hofapotheke der Familie Pettenkofer in München nahm sich der Herstellung des Konzentrats an und verkaufte sie als ausgesprochen teures Medikament an reiche Kunden. Doch der Impuls, der Liebigs Fleischextrakt zum Welterfolg machte, kam aus ganz anderer Richtung.

 

Die „Liebig’s Extract of Meat Company“

Liebig Fleischextrakt

Der deutsche Unternehmer und Ingenieur Georg Christian Gilbert, hatte Liebigs Artikel gelesen und bot ihm 1862 an, in Uruguay das Extrakt herzustellen. Gilbert war zuvor während einer Reise auf den riesigen Überschuss an Rindfleisch in Südamerika aufmerksam geworden. Denn nur die Häute und Felle wurden verwendet, das Fleisch konnte durch die damals fehlenden Kühlmöglichkeiten nicht nach Europa transportiert werden.

Liebig stimmte schließlich zu und in Folge wurde „Liebigs Fleischextrakt“ in Fray Bentos, Uruguay, hergestellt und in unvorstellbaren Mengen weltweit verkauft. Doch Liebigs Idee das konzentrierte Fleisch als Nahrung für ärmere Menschen anzubieten, ging nicht auf. Das Konzentrat war einfach zu teuer und erhielt 1886 billige Konkurrenz durch die Maggi-Würze. Dennoch wuchs die Produktion der „Liebig’s Extract of Meat Company“ (LEMCO) in Südamerika. Der Grund waren die Kriege in Europa. Sowohl britische als auch deutsche Soldaten hatten im Ersten Weltkrieg „Liebigs Fleischextrakt“ im Ranzen.

Aber dieser Krieg brachte auch die Wende. Die hohen Absatzzahlen der Vorkriegsjahre wurden nie wieder erreicht und 1924 war Schluss in Fray Bentos. Das Unternehmen, dessen Stammsitz eh in Antwerpen lag, konzentrierte sich ausschließlich auf den europäischen Markt. Doch im folgenden Krieg kam die Produktion vollständig zum Erliegen. Zwar konnten nach Kriegsende die Handelsbeziehungen wieder aufgenommen werden, aber nur auf niedrigem Niveau.

 

Von Fusionen und Globalisierung

1968 fusionierte die LEMCO mit der „Brooke Bond Ltd.“ zur Firma „Brooke Bond Oxo Ltd.“ mit Sitz in London. Sechzehn Jahre später, 1984, kaufte Unilever das Unternehmen. Die Produktion des Fleischextrakts wurde zuerst nach Schooten/Belgien verlegt und später an die PAB Vesten in Beveren-Waas/Belgien ausgelagert, die bis heute Liebigs Fleischextrakt herstellt.

Liebigs Fleischextrakt hat längst nicht mehr den Stellenwert wie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber gut sortierte Feinkostläden führen die kleinen, weißen Porzellantöpfchen zu einem relativ hohen Preis – für vierzig Gramm zahlt man zwischen neun und vierzehn Euro.

 

Selbst die Vermarktung ist Legende

Der anfängliche Siegeszug des Produktes stellte sich nicht von selbst ein. Überzeugend war der Claim wohl schon: „Nur echt mit Liebigs Unterschrift in blauer Farbe“. Aber das reichte nicht. Denn das Fleischextrakt sieht ja eher wie dunkle Schuhcreme aus und schmeckt völlig versalzen. Deshalb setzte man von Anfang an auf etwas, das man heute wohl als Content-Strategie bezeichnen würde. Mit bunten Sammelbildchen, die den Dosen beigelegt wurden, köderte man die Kinder, mit Rezeptheftchen die Mütter. Die Sammelbilder wurden schnell zu begehrten Tauschobjekten. Denn sie präsentierten den Kindern die ganze Welt und vielfältige Themen in Farbe und trugen auf ihre unterhaltsame Weise zu deren Bildung bei. Und so ist Liebigs Fleischextrakt selbst inzwischen wohl zum wenig bekannten kulinarischen Luxus geworden. Aber die Kärtchen erfreuen sich großer Bekanntheit und werden intensiv gehandelt.

Liebig Fleischextrakt

So, das war mal ein ganz anderes kulinarisches Abenteuer, eins das am Schreibtisch in der Liebigstraße erlebt wurde.

Wer jetzt noch genauer wissen möchte, was es mit Liebigs Fleischextrakt aus sich hat, findet dort weiterführende Informationen, wo auch ich mich im Internet herumgetrieben habe:

Geschichte von Liebigs Fleischextrakt“, bei focus online und oder auch auf der Website labor&more.

Sammelbilder findet ihr bei „Amazon“, Scans der Bilder auf „Google“ oder auf der Site dieses Sammlers.

Fotos: Thomas Hobein

 

(Beim Recherchieren und Schreiben u.a. gehört: „Magic and Loss“ von Lou Reed)

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