Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Rhabarberkuchen und Bienenstich

Ein Nachmittag bei Imker Jochen Riedl in Nauheim

Er imkert jetzt seit über dreißig Jahren. Nebenberuflich. Idealistisch. Von ertragssteigernden Selektionen und Zuchtverfahren will Jochen Riedl nichts wissen. Er unterstützt die Bienen höchstens in ihrer natürlichen Lebensweise. Und schwärmt vom Schwärmen.

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Die ins Hoftor eingelassene Tür öffnet sich. Heraus blickt ein schlanker, großgewachsener Mann mit dunklem Haar. So um die fünfzig, schätze ich. Er wird begleitet von einer alten Katze, die viel redet und klingt wie ein kaputtes Garagentor.

Jochen Riedl führt uns über den Hof, vorbei an der ehemaligen Backstube der früheren Bäckerei seiner Eltern. Heute dient sie dem Imker als Lager und Werkstatt. Hier setzt er seine Ideen um, wie zum Beispiel neue Belüftungssysteme, um das Klima in den Magazin-Beuten zu verbessern – so nennt man die Kästen, die den Bienen als Stock dienen.

Wir rücken Tisch und Stühle in die warme Frühlingssonne. Die Katze redet immer noch, will auf den Tisch hüpfen, schafft es aber nicht. Das Alter. Verschämt trottet sie erst mal von dannen.

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Die nächsten anderthalb Stunden unterhalten wir uns über das Imkern. Wir fragen, Jochen antwortet mit sanfter, dunkler Stimme. Seine Antworten lassen keinen Zweifel daran, dass er weiß wovon er redet. Und auch nicht daran, dass seine zwölf Bienenvölker weit mehr sind als nur Hobby.

„Gut, Honig besteht etwa zu 80% aus Zucker und einer Menge Wasser. Aber entscheidend sind die ganzen anderen Dinge darin. Honig ist etwas Faszinierendes. Das können wir (Menschen) gar nicht herstellen. Da ist soviel von den Bienen drin. Ich habe wirklich Ehrfurcht vor der Leistung der Bienen. Für fünfhundert Gramm Honig müssen die zwischen einer und drei Millionen Blüten bestäuben. Bei mir kommt kein einziger Tropfen weg – ich lecke sogar das Messer ab, auch wenn das total unanständig ist.“

Sein ernstes Gesicht dabei macht klar, dass er gerade nicht scherzt.

„Honig wird nicht genügend wertgeschätzt.“ fährt er fort. „Eigentlich muss ein Glas so um die zwanzig Euro kosten. Natürlich nehme ich nicht so viel. Aber deshalb gibt es meinen Honig nur bei mir im Hausverkauf. Ich kenne jeden meiner Kunden, weiß, welchen Honig die am liebsten mögen und kann mit denen über Bienen und Honig babbeln.“

Ich frage nach dem jährlichen Ertrag. „Sehr unterschiedlich.“ lautet die Antwort. „ Das schwankt zwischen fünf und fünfunddreißig Kilo pro Jahr und Bienenvolk.“

Ertragssteigerung ist auch kein Thema für ihn. Er überlässt das der Natur und den Bienen. Anders als viele Imker verzichtet er auf manipulierende Eingriffe. Und er lässt auch zu, dass die Bienen ihre Staaten durch Teilung vermehren, also mit der alten Königin im Schwarm zu Zehntausenden den Bienenstock verlassen um sich einen neuen Nistplatz zu suchen. Denn so kann man auf ganz natürliche Weise neue Bienenvölker gewinnen.

Neugierig geworden fragen wir Jochen, seit wann er denn überhaupt imkert und wie er dazu gekommen sei. Wir erfahren, dass er schon als Kind immer zum Imker gegangen ist um für seinen Vater den Honig zu holen. Und schon da haben die Bienen ihn fasziniert. Richtig losgegangen ist es aber erst 1983 nach seiner Zivildienstzeit. Denn da hat ihn Vater Riedl mit dem Fritz zusammengebracht, von dem er als seinem Imker-Opa spricht. Mit acht Stichen am ersten Tag beginnt die lange Freundschaft zwischen dem jungen Jochen und dem alten Fritz. Sichtlich gerührt erzählt er von seinem wortkargen, aber herzlichen Mentor und dem gemeinsamen Weg.

Aber schließlich löst er sich aus der Vergangenheit und präsentiert uns seine neuesten Errungenschaften. Er hat einige alte Bienenkörbe aus der Lüneburger Heide erworben. Der älteste ist etwa zweihundert Jahre alt. Und einer ist mit einer grotesken Maske verziert ­– zur Abwehr von Unheil und bösen Geistern.

Heute haben die eckigen Magazin-Beuten diese Körbe weitgehend verdrängt, aber der Korb ist immer noch das Symbol für Honig und die Imkerei. Tatsächlich ist das Wort Imker auch die Wortzusammensetzung aus den alten Begriffen „Imme“ für Biene und „Kar“ für Korb.

Natürlich sind die Kästen leichter zu handhaben. Aber die Körbe haben auch Vorteile. So bieten sie den emsigen, aber auch empfindlichen Bewohnern ein optimales Mikro-Klima und sind feuerfest.

Auch hier kommen wir noch einmal auf das Thema Wertschätzung. Zehn Euro haben einige Interessenten für die handgearbeiteten Bienenkörbe geboten. Für Jochen Riedl ist das eine Frechheit. Er versteht die Welt nicht mehr. „Das ist eine Kunst, da steckt Arbeit drin, das hat einen Wert.“ sagt er.

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Dann unterbrechen wir das Gespräch und gehen durch die Scheune in einen schönen kleinen Garten. Dort erwartet uns eine Geräuschkulisse, die jeden Allergiker sofort die Flucht ergreifen ließe – verursacht vom hektischen Flugbetrieb mehrerer Bienenvölker. Zögernd begebe ich mich mitten hinein, um zu fotografieren und … werde in Ruhe gelassen. Nicht eine einzige Biene beschäftigt sich mit mir.

Im Anschluss daran verlagern wir unseren Standort. Jochen zeigt uns eine kleine Hütte in einem Wald am Rand von Nauheim – umgeben von Bienenkästen. Vor kurzem ist hier eingebrochen worden. Es gab nichts zu klauen nur zu zerstören. Vielleicht empfinden mich deshalb die Bienen hier als störenden Faktor, wenn nicht gar als Bedrohung. So stehe ich jedenfalls kurz voll im Fokus ihres Interesses. Einige verfangen sich in meinem Haar, eine sticht. Scheiße. Aber der Schmerz währt nur kurz. Und eine Kapuze beendet die Angriffe.

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Dann fahren wir zurück in den Ortskern von Nauheim. Wir setzen uns wieder in die Sonne, reden über Gott und die Welt. Dazu gibt es Kaffee und Rhabarberkuchen. Bienenstich hatte ich ja schon.

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(Beim Schreiben gehört: Poetry & Aeroplanes von Teitur)

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