Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Septemberlicht

Weinlese im Auerbacher Fürstenlager
Septembermorgen am Auerbecher Fürstenlager an der Bergstraße

Das Licht ist der totale Hammer. Klar und kraftvoll gerichtet. Und die Farben. Voll das Klischee. Voll schön. Wir stehen auf dem höchsten Punkt der Weinlage Auerbacher Fürstenlager oberhalb von Bensheim-Auerbach und sehen hinunter. Links unten – nicht mehr im Bild (ihr kennt das von Dia-Abenden mit Urlaubsbildern) – liegt ein Wingert vom Weingut Rothweiler, bepflanzt mit der Rebsorte „Gelber Muskateller“. Und dort wird heute morgen gelesen.

 

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Lesen, herbsten, ernten – davon spricht man, wenn die reifen Trauben eine Abmachung erfahren, wie einst eine Kollegin aus der Reklame-Industrie diese Tätigkeit in Ermangelung der richtigen Vokabeln beschrieb. Und jetzt geht es los.

 

Bloß kein Durcheinander

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Gegen 8:30 Uhr. Zuerst teilt Hanno Rothweiler ein, wer in welcher Reihe liest und wer die Lesebutten trägt. Schließlich soll keine Traube ihrem Schicksal entgehen. Und deshalb muss Ordnung eben sein. Dann strömen Jung und Alt mit Eimern und Rebscheren bewaffnet in den Wingert. Die freiwilligen Erntehelfer stammen allesamt aus der Familie oder aus dem Freundeskreis. Und alle wissen, was zu tun ist.

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Die traditionelle Handlese, wie wir sie hier erleben, ist heute weitgehend von Erntemaschinen – den Vollerntern – abgelöst worden. Diese Maschinen schaffen selbst beträchtliche Steigungen gehen auch sehr schonend mit den Pflanzen und den Trauben um. Deshalb kommen nur noch in Ausnahmefällen Schere und Eimer zum Einsatz.

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Und auch hier hat sich der Winzer nicht etwa aus romantischen Gründen für die traditionelle Lese entschieden, sondern um die noch sehr jungen Rebstöcke besonders schonend zu behandeln. Ein weiterer Grund ist die sehr geringe Erntemenge. Die frostigen Nächte im Mai haben den diesjährigen Ertrag deutlich verringert.

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Hanno erzählt, dass im kommenden Jahr auch hier der Vollernter zum Einsatz kommen wird. Denn tatsächlich greifen die modernen Modelle der Erntemaschinen die Trauben weniger an, als es bei der Lese von Hand geschieht. Und da der Gelbe Muskateller im Gegensatz zu anderen Weißweinen vor der Weiterverarbeitung noch von Hand abgebeert wird (die Stiele werden entfernt) gehen die empfindlichen Beeren dann nicht mehr zweimal durch die Hände der Helfer.

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Immer rauf und runter

Bei einer Steigung von sechsunddreißig Prozent verbietet sich bei der Arbeit jegliche Hektik. Denn wenn du da vom jugendlichen Leichtsinn gepackt hochwetzt, dann hyperventilierst du erst mal eine Runde. Erst recht wenn du einer derjenigen bist, der eine Lesebütte auf dem Rücken trägt. Die fassen etwa vierzig Kilo Trauben. Und wenn du damit einige Male den Wingert rauf und runter gewandert bist – dann weißt du am Abend ziemlich genau, was du getan hast.

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Die Lesebütte wird je nach Region auch Butte, Hotte, Kiepe, Legel oder Logel genannt – im Badischen auch Biggi und Traubenschütte.

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Ursprünglich bestand die Kiepe aus Korbgeflecht, später aus Zinkblech, um keinen Traubensaft beim Transport zu verlieren. Heute hat Kunststoff die Vorgänger-Versionen ersetzt. Einige Spaßvögel unter den Winzern haben aber durchaus noch Zinkblechbütten und lassen die von ihren Gästen bei Lese-Events gern mal schleppen – zumindest probeweise.

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Der Logel-Träger sammelt die Erträge der Lesenden. Die schütten ihr Lese-Gut aus ihren Eimern in die Logel. Ist die voll, bringt der Träger seine Last in die Bütt, das ist ein großer Bottich auf einem Transporter oder Hänger.

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Kaffee und Kuchen

Nach etwa eineinhalb Stunden ist der Wingert abgeerntet. Es gibt Kaffee und Kuchen. Man fachsimpelt noch ein wenig und babbelt über dies und das. Schließlich verabredet man sich zum nächsten Lesetermin. Denn gelesen wird noch bis in den Oktober hinein.

Wir verabschieden uns brav und fahren in unsere Büros. Geld verdienen. Ich arbeite gerade an einem Kommunikations-Konzept für ein Weingut im Badischen. Das mit der Kommunikation für Winzer verhält sich nämlich inzwischen so, wie der Vollernter zur Handlese. Moderne Methoden und Vorgehensweisen haben durchaus ihre Vorteile und sind immer häufiger unumgänglich.

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Fotografie und Bildbearbeitung: Thomas Hobein. Die Kamera ist wie so häufig eine Leihgabe von Dirk Hoppmann/Freisicht.

(Beim Schreiben u.a. gehört: „Everyone’s a V.I.P To Someone“ von „The Go! Team“)

1 Kommentar zu “Septemberlicht

  1. Ingmar Melchert

    Naa, das nenne ich mal ein Appetithäppchen. Und Superphotos, da will mann doch sofort mal ins Fürstenlager fahren und den Weinlagen Wanderweg ersteigen. Ein Blick aus dem Fenster und die Ernüchterung erfolgt sofort. Es regnet Bindfäden.

    Also ein andermal …

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