Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Rettet die Rumkugel

Richtig dicke Dinger, so wie früher

Kommt ein Junge in eine Bäckerei und sagt zur Bäckerfachverkäuferin: „Ich möchte Rumkugeln.“ Darauf sie: „Hier aber nicht.“ Ein alter Witz aus Kindertagen, der sich so langsam aus dem kollektiven Gedächtnis verabschiedet, wie sie selbst – die witzspendende Rumkugel.

 

Vor geraumer Zeit beklagte ich das Verschwinden der Semmelbrösel aus den Bäckereien. Jetzt betrauere ich die Rumkugeln. Zwar werden gelegentlich in kleinen Betrieben noch welche ausgewildert, aber die Population geht deutlich zurück. Die Art ist bedroht. Das ist bedauerlich, denn sowohl Paniermehl als auch Rumkugeln stellen eine intelligente Weise dar, Reste zu verwerten statt sie wegzuwerfen. Also folgt meinem Beitrag zur Rettung der Rumkugel und haut euch welche rein.

 

Zu Beginn etwas Ursachenforschung

Eine klare Aussage zum Verschwinden der Rumkugel lässt sich auch nach intensiver Recherche nicht treffen. Dennoch lassen zwei Hinweise Schlüsse zu, die deutlich über reine Vermutungen hinausgehen.

Zum einen  leben wir in einer von Mistrauen geprägten Wegwerfgesellschaft. Warum also sollten wir bei »betrügerischen Bäckern aus uns unbekannten Resten zusammengedengelte Kuchen kaufen«? Oder anders ausgedrückt: „Igitt, wer weiß, was da alles drin ist.“ Ich hoffe, dass in einer Zeit des wachsenden Bewusstseins für Nachhaltigkeit und gegen Verschwendung hier ein Umdenken einsetzt.

Der zweite Grund liegt im Rum der Kugeln. Denn das Jugendschutzgesetz gilt auch für Lebensmittel wie Rumkugeln, wenn der Alkoholgehalt einen Wert von einem Prozent überschreitet. Deshalb probieren Hersteller auch Rezepte ohne Rum aber mit Rum-Aroma aus, aber die dürfen dann nicht mehr Rumkugeln heißen. Und »Schoko-Bällchen mit Rum-Aroma« will ich nicht essen, verstehe aber selbstverständlich, warum Kinder nicht an Alkohol herangeführt werden sollten. Doch jetzt genug Ernstes, kümmern wir uns lieber um wahrhaft mächtig Leckeres.

 

Die norddeutsche Rumkugel

Die süddeutsche Rumkugel ist der norddeutschen unterlegen, jedenfalls was die Größe betrifft. Während man weiter südlich murmelgroße Kugeln einwirft, muss der Norddeutsche (auch die oder das) von einem mindestens tischtennisballgroßen Ball abbeißen. Mehrfach. Und das schmeckt besser, weil sich dann die rumgetränkte Kuchenmasse bis in die Backentaschen breit macht. Man kann auch sagen… besser ist besser oder mehr ist mehr.

 

Die Sache mit den Rosinen

 Die Resteverwertung von übriggebliebenem Kuchen durch die Bäcker brachte es ganz natürlich mit sich, dass sich die einzelnen Rumkugelproduktionsreihen inhaltlich wie geschmacklich unterschieden. Rum, Zucker und Kakao sorgten zwar für eine einheitliche Basis, aber es gab Unterschiede – insbesondere durch Kuchenreste mit Rosinen. Und die – das sei hier in aller Deutlichkeit gesagt – die haben in Rumkugeln nichts zu suchen. Aber auch gar nichts. Da verzog der kleine Thomas das Gesicht und der etwas größere verzieht es noch heute. Solltet ihr trotz dieser klaren Ansage doch Rosinen in euren Rumkugeln haben wollen, dann prokelt doch welche rein. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.

 

Das braucht ihr für etwa sechs dicke Dinger
(echt nicht geeignet für Jugendliche unter 18 Jahren)

  • 300 g Kuchenreste (z.B. Rührkuchen)
  • 40 ml braunen Rum 40 vol%
  • 2 Teelöffel Vanillezucker
  • 2 EL Back-Kakao
  • 50 g Mandeln
  • 100 g Schokolade
  • 2 Esslöffel Butter
  • Schokostreusel

 

Schnell gemacht

Zerkrümelt die Kuchenreste in eine Rührschüssel. Weicht dann die Brösel im Rum ein und rührt den Vanillezucker sowie den Kakao unter. Diese Mischung lasst ihr erstmal eine Weile ziehen. Währenddessen verflüssigt ihr bei geringer Hitze die Schokolade und die Butter in einem Topf.

Das flüssige Schoko-Fett vermengt ihr dann gewissenhaft mit den beschwipsten Kuchenresten. Die Rumkugel-Masse könnt ihr jetzt noch einmal abschmecken und bei Bedarf noch Zucker, Rum oder Mandeln hinzufügen.

Aus der weichen, klebrigen Masse formt ihr jetzt Kugeln mit einem Durchmesser von etwa fünf Zentimetern und wälzt sie sofort in den Streuseln. Die Bällchen sollten rundum mit bedeckt sein.

Eure Rumkugeln sind jetzt noch sehr weich. Deckt sie also mit Klarsichtfolie ab und gönnt den Kalorienbomben eine einstündige Pause im Kühlschrank. Dann sollten sie … al dente, würde ich sagen, und bereit eine schöne Tasse Kaffee oder ein Glas Milch (noch so eine Kindheitserinnerung) in euch hinein zu begleiten.

 

Rum-Schnitten

Lieber noch als Rumkugeln mochte ich Kind als Rum-Schnitten. Das waren im Prinzip kleine Kuchen mit einem Boden aus Mürbeteig. Darüber folgte ein Strich Himbeermarmelade (oder war es Erdbeere?), was die Schnitten etwas fruchtig-frischer machte. Darauf machte sich dann die Rumkugelmasse breit, die mit Kuvertüre überzogen und mit buntem Zuckergedöns bestreut war. Mache ich mal im nächsten Jahr. Also ganz bestimmt vielleicht.

Fotografie: Thomas Hobein

(Zu Rumkugeln und Milch empfehle ich die Musik aus den Peanuts-Trickfilmen vom  Vince Guaraldi Trio und natürlich insbesondere den Song »Linus and Lucy«)

 

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