Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Frau Deitrich erzählt

einiges über das Parkhotel 1970 in Vielbrunn

Nach unserem ersten Bericht über das Parkhotel 1970 wurde deren Website gestürmt, sagt Hotel-Betreiberin Ann-Katrin Thimm. Grund genug für uns noch einmal eine Zeitreise in die Siebziger des letzten Jahrhunderts anzutreten. Dazu hat sich Hans-Georg Merkel auf fotografische Spurensuche begeben und Frau Deitrich – also die Dame, die das Hotel in über zwanzig Jahren Dornröschenschlaf gehegt und gepflegt hat – hat uns in eine ganz andere Zeit mitgenommen.

Dornröschenschlaf hin und her – das Hotel war niemals geschlossen. Frau Deitrich ist das wichtig. „Wir waren nicht geschlossen, nur stillgelegt. Mein Mann hat immer gesagt: Wir werden das Hotel und das Restaurant niemals schließen, nur still legen. Und so war es ja auch.“

Doch beginnen wir von vorn. Als wir eintreffen hat Ann-Katrin Thimm auf dem Golfplatz zu tun. Deshalb begrüßt uns ihre Großmutter, Ottilie Deitrich. Und ich habe den Eindruck, die Dame ist besser vorbereitet als wir. Sie bietet uns etwas zu trinken an. Dann legen wir mit dem Interview los. Sie erzählt von den traditionellen Ursprüngen des Betriebs, sie erzählt wie alles begann.

„Es war Metzgerei und Gaststätte. Da kamen die Vielbrunner und Geschäftsleute. Die haben sich abends hier immer getroffen zum Apfelweintrinken, zum Kartenspielen und zum Tartar-Essen. … Zwei Zimmerchen … Damals hieß es noch, ich hab mich halb kaputt gelacht, Zimmer mit fließend Wasser. (lacht) Da gab es kein warmes Wasser.“

Frau Deitrich erzählt auch von den Widerständen gegen die ihr Mann Hans anzukämpfen hatte: „Da kam sogar der Lehrer zu meinem Schwiegervater und sagte, Herr Deitrich, lassen sie doch den Bub im Gymnasium und dann sagte der (der Schwiegervater) nein, der wird Metzger.“

Und Hans Deitrich wurde Metzger, aber seine Ideen und Vorlieben lebte er dennoch aus. Das Parkhotel entstand aus der Metzgerei und wurde ein Erfolg.

„Wir hatten so einen Riesenbetrieb. Das können sie sich gar nicht vorstellen. Das war gar nicht mehr zu schaffen. Und dann hieß es, wir müssen erweitern. Wir müssen anbauen. Dann ist wieder ein Stückchen Terrasse dazu genommen und überbaut worden. Und, und, und. … Dann haben wir die Küche ausgebaut. Wir hatten gute Köche und mein Mann war ein guter Metzger. Wir haben nur erstklassiges Fleisch verarbeitet – aus Weilbach. Das war eine fantastische Qualität. Und das hat sich rumgesprochen.“

Natürlich sind wir neugierig und fragen, wie sich die beiden kennengelernt haben. Sie erzählt uns, dass sie die zweite Frau von Hans Deitrich war, von seiner ersten „tollen“ Frau, die tödlich verunglückt war und von ihrer Entscheidung für Hans. „Ich bin nicht aus Vielbrunn, sondern aus Weiten-Gesäß, dem Nachbarort. … Wir kannten uns schon als Kinder und da war auch schon früh so eine Sympathie. 1963 haben wir dann geheiratet. … Ich war in der Mode-Branche und hatte schon eine Stelle in Paris … aber da hätte ich auch arbeiten müssen.“

Wenn man das so liest klingt das zum Schluss eher pragmatisch, aber es ist nur die rationale Rückversicherung eines zutiefst im Herzen empfundenen Gefühls. Wir bohren nicht nach, sondern fragen nach den Gästen, woher sie kamen, wie lange sie blieben und ob es auch immer wieder kehrende Dauergäste gab.

„Ja, früher war das so. Da waren die Leute drei Wochen da. Aus Darmstadt, aus Frankfurt und Bad Nauheim, aber auch aus Hamburg und so. Aber das war schon ziemlich weit. Die kamen hier her und haben hier drei Wochen Urlaub gemacht und sich wunderbar erholt. Ich sage ihnen, die haben sich gefreut aufs Frühstück, aufs Mittagessen, aufs Abendessen. Dazwischen sind sie geschwommen, haben die Liegewiese benutzt und haben sich zusammen unterhalten. Ich habe neulich zu der Ann-Katrin gesagt: Du wirst sehen, in zwanzig Jahren können die Leute nicht mehr sprechen. Es wird ja alles nur noch per Handy gemacht. Aber damals haben die sich unterhalten, sind durch das ganze Dorf marschiert. Da waren in der Römerstraße mindestens zwölf Kneipen. Och, was waren da für Wirtschaften … weil bei uns so viele Leute waren. Das sagt nur keiner. Ja, da haben die abends ihre Tour gemacht. Sind darein und darein und haben ihren Äppelwein getrunken. Dann sind sie zurückgekommen und haben sich gemütlich in den Clubraum gesetzt und da weiter erzählt und dann sind sie zu Bett gegangen. Das war so einen richtige schöne Erholung.“

Dann erzählt sie wieder von ihrem Hans, der gar nicht ausgesehen hat wie ein Metzger sondern wie ein Dressman und der immer wieder neue Ideen hatte.

„Mein Mann hat immer den richtigen Riecher für das Moderne gehabt. Der hat immer andere Ideen gehabt wie der Normale – nachts manchmal. Ich habe fest geschlafen und auf einmal macht’s: Eben habe ich es. Aber ganz laut. Was ist denn jetzt los? Frau, mir ist eben wieder was eingefallen.“

Auch das Schwimmbad, nein, das Hallenbad war so eine Idee von Hans Deitrich.

„Wir bauen ein Hallenbad hat mein Mann gesagt, kein Schwimmbad. Es gab kein Hallenbad im Odenwald – weder in Michelstadt, in Erbach noch in Bad-König. Aber jetzt gab es ein Hallenbad in Vielbrunn und die ganzen jungen Leute kamen. Na gut, ihr dürft auch ins Hallenbad hat mein Mann gesagt. Eine Mark für das geheizte Hallenbad. Dann sind die rein, haben ihre Mark bezahlt und haben sich rund rum (ins Wasser) gestellt. Die sind gar nicht geschwommen weil kein Platz da war. So was Schönes, das glauben sie gar nicht. Die kamen immer, immer wieder und haben da gestanden. Vielleicht konnten auch einige gar nicht schwimmen. Hauptsache sie standen da mittendrin. Es war sensationell. Die kamen von Miltenberg, von Michelstadt, also aus der ganzen Umgebung. Einer unserer Mitarbeiter hat da gut zu tun gehabt. Und ein Barkeeper, ein flotter Türke war das. Der hat gut ausgesehen … die Mädchen waren begeistert.“ Sie erinnert sich. Sie lacht.

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Der nächste, zukunftsweisende Coup von Hans Deitrich war der Naturgolfplatz, der bis heute in Betrieb ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Wir bleiben im Parkhotel und beim Schicksal der Familie Deitrich.

„Und dann ist er krank geworden. Und tatsächlich: Die haben ihn falsch behandelt – auf Nierenstein. Wir waren überall bis Mainz. Und dann hat sich herausgestellt, dass er ein Prostata-Geschwür hatte. Die Metastasen waren schon im ganzen Körper. Zwei Jahre war ich gar nicht ganz bei mir. Und mit achtzig Jahren ist der dann gestorben.“

Die Kinder hatten kein Interesse an der Weiterführung des Betriebs in Vielbrunn und so wurde das Parkhotel still gelegt. Aber Hans Deitrich hatte so eine Vorahnung, die sich nach rund zwei Jahrzehnten bewahrheitet hat.

„Mein Mann hat immer gesagt, die Ann-Katrin macht’s. Sie mäht auch den Golfplatz. Und so geht es jetzt weiter. Ich … ich wollte eigentlich nix mehr machen. Omi, hat sie gesagt (gemeint ist Ann-Katrin), du brauchst ja nicht mehr … aber ich bin den ganzen Tag beschäftigt. Ich kann natürlich nicht mehr so schnell. Das geht nicht mehr. Werden Sie mal zweiundachtzig.“

Was gibt es da noch zu sagen. Beeindruckt danken wir Ottilie Deitrich für ihre Zeit. Das Leuchten in ihren Augen, wenn sie von ihrem Mann gesprochen hat, ist uns nicht entgangen. Die Geschichte des heutigen „Parkhotel 1970“ in Vielbrunn ist eben nicht nur eine Geschichte voller Ideen und Durchsetzungskraft sondern auch eine große Liebesgeschichte.

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Die Portraits und die nachfolgenden Aufnahmen einer kurzen fotografischen Entdeckungsreise durch das Parkhotel 1970 stammen von Hans-Georg Merkel aus Landau. Vielen Dank dafür.

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(Das rund zweistündige Interview mit Frau Deitrich ist in Auszügen wiedergegeben. Wir haben es in eine lesbare Form übertragen und die von uns zugefügten Bemerkungen in den Klammern dienen lediglich dem besseren Verständnis. Beim Schreiben unter anderem gehört „You Got The Love“ von The Source featuring Candi Stanton).

Ein weiteres Beitrag zum Parkhotel 1970 in unserem Blog ist: „Auf geht’s in die Vergangenheit“

2 Kommentare zu “Frau Deitrich erzählt

  1. Pingback: Auf geht’s in die Vergangenheit | Endlich! Gutes.

  2. Paschmann

    ja,ich kann mich wunderbar daran erinnern,dass wir mit mehreren Familien,Anfang der 70 er Sonntags zum Schwimmen in`s Hotel Deitrich gefahren sind,da es das Schwimmbad in Michelstadt noch nicht gab.Ich habe wunderbare Erinnerungen daran und freue mich dass das Hotel sich jetzt wieder so darstellt,wie ich es kannte.Heute habe ich im Fernsehn wieder von Ihrem Hotel gehört und werde sicher beim nächsten Erbach-Besuch mal vorbei schauen.Schön.

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