Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Burg Frankenstein

Ein Nachmittag im Oktober
Burg Frankenstein im Odenwald bei Darmstadt

Nicht das Monster heißt Frankenstein, sondern sein Schöpfer Victor. Und der hat seinen Namen von einer Frau angedichtet bekommen, die vielleicht auf der Burg dieses Namens gewesen war oder von ihr gehört hatte. Und von dem  Alchemisten, der dort sein Unwesen mit Verwesendem getrieben haben soll. Ich bin mal kurz hoch.

An einem Oktobernachmittag im Jahr 2018. Es ist warm und sonnig und meine Arbeit ist getan. Ich klappe mein MacBook Air zu und fahre zur Burg Frankenstein. Eine spontane Idee, um an diesem Tag noch ein wenig Sonnenlicht und Waldluft zu tanken.

 

Da woa die Burg und da woa i, hätte Luis Trenker gesagt

Burg Frankenstein erhebt sich im Süden Darmstadts zwischen Eberstadt und Malchen. Von den Straßenbahnhaltestellen in beiden Orten ist die Burg – wenn auch nicht bequem – zu Fuß erreichbar. Auch mit dem Rad wird der Berg von Masochisten gern erklommen; ich fahre heute Diesel. Denn vom Parkplatz sind es mindestens noch zweihundert Meter zu Fuß zum Burgtor. Also echt mindestens.

Auf dem Parkplatz grabbeln sich eine Wanderin und ein Wanderer gegenseitig in ihren Rucksäcken herum. In sich verdreht wie eine zweiköpfige Laokoon-Gruppe versuchen sie aus des Partners Ranzen eine Stulle oder gar Trinkbares heraus zu befördern. Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass man Rucksäcke auch abnehmen kann, aber ich habe keine Lust sie aufzuklären. Ich bewaffne mich mit einer Kamera und mache mich auf zur Burg.

Burg Frankenstein im Odenwald bei Darmstadt

Selbstverständlich nehme ich nicht den offiziellen westlichen Weg mit Treppen und Asphalt zur Burg. Nein, ich habe ja Wanderschuhe an. Also pirsche ich mich im Osten an der Burg vorbei, dicht entlang der Mauer – so wie ich es auch als Kind getan hätte und als Kind gebliebener zu tun habe. Ein Mann muss schließlich tun, was …

Burg Frankenstein im Odenwald bei Darmstadt

Auf meiner Klettertour verfolgt mich das goldene Oktoberlicht wie ein Suchscheinwerfer und ich denke an diese Dracula Filme mit Christopher Lee aus den Hammer-Studios. Immer wenn sich die Helden da in Sicherheit wähnen, fällt die Sonne runter wie ein Fußball unter das Lattenkreuz eines Tores. Und so wie sich der Torwart dann wundert, wundern sich die Helden und die Damen, wenn es dann plötzlich dunkel ist. Während sich der bleiche Chris mit den langen Eckzähnen den nächstbesten Dekolletés widmet. Kein schlechter Job eigentlich.

Aber hier auf Frankenstein hat der bissige Schlawiner ja nichts zu suchen. Hier dreht es sich wohl eher um ein elektrisiertes Flicken-Monster von recht kräftiger Statur – um Mary Shelleys Frankenstein.

 

Frankenstein’s Womb

Graphic Novel Frankenstein's Womb
Ob die berühmte Dame je die Burg Frankenstein erblickt oder gar besucht hat wird unter Fachleuten heiß diskutiert. Die einen sagen „Nein“, die anderen auch. Dem britischen Autor Warren Ellis war das egal und er hat einfach mal so getan, als ob. Und eine so genannte Graphic-Novel daraus verfasst.

Wir schreiben das Jahr 1816. Es wird als „das Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte eingehen oder auch als „Achtzehnhundertunderfroren“. Hauptsächliche Ursache für diese Klimakatastrophe ist wohl der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora.

Inmitten dieser Wetterkapriolen reist Mary Godwin, die spätere Mary Shelley, in die Schweiz. Ihre Begleiter sind der Dichter Percy Shelley, ihr Geliebter und baldiger Ehemann, sowie ihre schwangere Stiefschwester Clair Clairmont. Das Ziel der Engländer ist der Genfer See, wo sie Lord Byron treffen wollen und ihre Reise ist noch lang als sie die Burg Frankenstein erreichen. Im Gegensatz zu ihren Reisegefährten ist Mary fasziniert von der Ruine, die sie allein betritt und Unheimliches erlebt.

Denn sie wird in dem als verlassen geglaubten Gemäuer bereits erwartet – von dem Monster, das sie erst viel später in ihrem Roman erschaffen wird. Und dieses namenlose Monster, zusammengesetzt aus Leichenteilen und mittels Elektrizität belebt, nimmt sie mit auf eine Reise durch Zeit und Raum. So wie der alte Scrooge in Dickens Roman „A Christmas Carol“ von den Geistern der Weihnacht dorthin geführt wird, wo das existiert, was war, ist und sein wird, führt der Namenlose sie durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Dabei wird sie zur Zeugin ihrer eigenen Geburt und erblickt so erstmals das Gesicht ihrer Mutter, die kurz nach der Niederkunft verstarb. Sie trifft aber nicht nur ihre Mutter, die Vorkämpferin für die Gleichberechtigung der Frauen, Mary Wollenstonecraft, und ihren Vater William Godwin, den Begründer des Sozialismus und des politischen Anarchismus; vor allem trifft sie Conrad Dippel, den deutschen Theologen, Arzt, Anatomen und Alchemisten, der auf Frankenstein geboren wurde und dort auch „Gewerkelt“ hat. Mary erlebt seine Experimente und den Segen der „Elektrizität“. Doch seht und lest selbst.

Warren Ellis, Nicht-Comic-Lesern vielleicht durch die Verfilmung seines Comics „RED“ mit Bruce Willis bekannt, schickt „seine Mary Godwin“ unbarmherzig durch ein Labyrinth aus Geburt, Schicksalsschlägen und Tod, um sie in „Frankenstein’s Womb“ (Uterus, Gebärmutter) zu dem Buch zu inspirieren, durch das sie als Mary Shelley berühmt werden wird: Frankenstein oder der moderne Prometheus.

Routiniert in Szene gesetzt hat die Geschichte der polnische Comiczeichner Marek Oleksicki in harten Schwarz-Weiß-Kontrasten. Eine gewisse Ähnlichkeit der dargestellten Architektur lässt vermuten, dass er sich zumindest Fotos von Burg Frankenstein angesehen hat.

Warren Ellis‘ Frankenstein’s Womb ist bereits vor einigen Jahren im US-Verlag Avatar erschienen und nur in englischer Sprache erhältlich.

  

Ende der Tour

Burg Frankenstein im Odenwald bei Darmstadt

Auch gedanklich zurück im Wald habe ich inzwischen wie ein Satellit die Burg umkreist und stehe vor dem Tor. Zu. Weil bald die alljährliche Halloween-Sause startet. Tatsächlich sind auch schon all überall auf den Trümchenspitzen goldene Scheinwerfer am blitzen. Mit bunten Folien davor.

Burg Frankenstein im Odenwald bei Darmstadt

Hinter mir fragt jemand: „Eeyh, hat einer Boxen?“ Ich drehe mich um. Da haben sich vier schwarze Kapuzenpullis mit Sechzehnjährigen drin auf der Aussichtsplattform eingenistet. Vor sich auf der Sandsteinmauer haben sie eine voll phatte Shisha in Betrieb genommen und gurgeln darauf ein Lied. Außerdem hat einer der Burschen tatsächlich Boxen. Und Rapp dröhnt durch den Wald. Der Mit-ohne-Boxen sieht mich streng an. Sein Blick schreit: „WAS?“ Mein Blick sagt: „Nix.“ Das ärgert ihn, aber ihm fällt kein Eskalationsprogramm ein. Mein Blick sagt: „Ätsch.“ Zugegeben etwas altmodisch, was ihn aber noch mehr ärgert.

Burg Frankenstein im Odenwald bei Darmstadt

Auf dem Parkplatz ist die Laokoon-Gruppe verschwunden. Vielleicht werden die ja gerade in der nahe gelegenen Klinik auseinander genommen und von Conrad Dippel oder Victor Frankenstein auf eigenwillige Weise wieder zusammengepuzzelt.

Blick nach Osten von Burg Frankenstein im Odenwald bei Darmstadt

Ich verdufte, nehme aber diesmal die Abfahrt nach Nieder-Beerbach. Ich will noch mal nach Osten schauen bevor die Sonne wie ein Fußball unter das Lattenkreuz plumpst.

So. Und weil Endlich! Gutes. ja ein kulinarischer Blog ist, gönne ich mir zuhause noch das Stück Pumpkin Tarte von Katharina, dass ich im Kühlschrank gebunkert habe. Und danach einen sehr gepflegten Gin-Tonic.

Kürbiskuchen, Pumpkin Tarte Und allen, denen das zu wenig Essen und Trinken war versprechen wir: Vor Halloween präsentieren wir euch noch „Küchenmeister Keylocks Kürbis-Kuchen“. Jedenfalls möglicherweise sehr vielleicht.

Fotos und Bildbearbeitung: Thomas Hobein

(Beim Schreiben u.a. gehört: „A Prisoners Of  The Past“ von Prefab Sprout)

 

 

 

 

 

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