Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Beim Herrn der Nussknacker

Auf Stippvisite in der Drechslerei Junghänel in Mudau
Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald

Hanno Junghänel drechselt Nussknacker. Jeden Tag. In Mudau im östlichen Odenwald. Von hier aus wandern die handgearbeiteten Holzkerle und –kerlinnen dann in die USA oder nach Japan. In Deutschland kauft man dagegen lieber Billigheimer aus Shenzhen. Ich nicht. Und deshalb habe ich jetzt mal in Mudau nachgefragt.

 

Als ich aus dem dicht bewaldeten Osthang des Odenwaldes an den Main stoße, ändern  sich schlagartig die Landschaft und die Architektur. Die Orte quetschen sich ins Tal; alles ist dicht bebaut und irgendwie katholisch barock. Und wie zum Beweis meiner Gedanken taucht auf der anderen Seite des Flusses oberhalb der Weinberge das Franziskaner-Kloster Engelsberg auf.

Ich halte mich südwärts, aber hinter Miltenberg entferne ich mich bereits wieder vom Main. Ich tauche ins Madonnenländchen ein. Die namensgebenden, zahlreichen Bildstöcke an Straßen, Wegen und Häusern hier sind Zeugnis der Marienverehrung und der Gegenreformation. Ich durchfahre Amorbach und erreiche schließlich Mudau.

 

In der Drechslerei

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen OdenwaldDie Drechslerei Junghänel liegt mitten im Ort. Ich stehe vor dem Haus und denke, dass genau so eine Werkstatt von außen aussehen muss, in der Nussknacker entstehen. Genau so würde Hollywood die Sache inszenieren. Vielleicht noch eine Schippe Kunstschnee. Jetzt bin ich gespannt auf das Innere und den Hausherrn. Bisher kenne ich ihn nur von dem Telefonat, in dem ich meinen Überfall angekündigt habe, nachdem Jan Steinert aus Groß-Umstadt mir den Tipp gegeben hat. Der hat sich dort nämlich sozusagen sein hölzernes Alter-Ego fertigen lassen – einen Nussknacker in Musiker-Outfit mit drehbarer Basecap.

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald Das Türschild verrät, dass geöffnet ist. Ich fühle mich eingeladen, betrete den kleinen Laden und stehe direkt vor dem Tresen. Darauf exerzieren ordentlich in Reih und Glied vierzig Militärkadetten aus Westpoint und einer weiteren US-Militärakademie, deren Namen ich nicht behalten habe. Die oben abgeflachten Köpfe der Figuren beweisen, dass ein richtiger Soldat eben erst mit Mütze oder Helm kampfbereit ist. Aber die fehlen hier noch, so wie das kräftige Knackergebiss und die Arme.

Hinter der noch armlosen Armee sitzt Hanno Junghänel, unterbricht die Bemalung der Kadetten in ihren traditionellen Uniformen und schaut zu mir hoch. Der ist mindestens so neugierig wie ich. Nachdem ich artig einen Guten Tag gewünscht habe, erkläre ich, dass ich der vom Telefon bin. Er weiß Bescheid und wir legen los mit Fragen und Antworten. Ich schenke meinem Gesprächspartner dabei meine volle Aufmerksamkeit und er mir seine.

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald
Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald
Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald
Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald
Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald
Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald Während wir reden, mache ich mir Notizen und sehe mich um. Ich bin umzingelt. Überall Regale und Vitrinen, belebt von Holzfiguren unterschiedlicher Größen und Farben. Diese dicht an dicht gedrängten, kleinen Schätze aus Holz und Wasserfarbe sind für mich Weihnachten pur, nicht jedoch für Drechsler Junghänel. Seine Nussknacker haben nämlich das ganze Jahr Saison.

 

Nussknacker – nicht nur zur Weihnachtszeit

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald Die dekorativen Nussknacker, wie wir sie heute kennen und mit Weihnachten verbinden, entstanden im neunzehnten Jahrhundert im Erzgebirge. Es gab aber davor längst in Bayern und Thüringen welche in anderer Gestalt. Jacob Grimm führt die Entwicklung dieser Figuren auf Götzenfiguren zurück, die aufgestellt wurden, um Hausgeister zu besänftigen – also nix Weihnachten. Und auch heute sind die Könige, Husaren oder Bergmänner der Adventszeit nicht mehr so gefragt. Jedenfalls in der kleinen Drechslerei in Mudau. Hier entstehen Teilnehmer von Desert Storm im Fleckentarnanzug, General Lee, Abraham Lincoln, Soldatinnen und Soldaten der Army, Navy oder Airforce und auch mal eine Palastwache aus London mit Bärenfellmütze aus Holz. Deutsche mit Pickelhaube dagegen sind Ladenhüter.

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald Überhaupt scheinen Amerikaner und Japaner qualitätsbewusster zu sein als Deutsche und die Handarbeit zu schätzen, denn auch aus dem Erzgebirge geht eine ordentliche Anzahl der hölzernen Kameraden nach Übersee. In amerikanischen Militärkreisen sind Nussknacker eben eine beliebte Erinnerung an die eigene Zeit in Uniform und werden gerne zum Dienstende verschenkt – so wie einst in Deutschland die Reservistenkrüge.

Und deshalb überqueren Hanno Junghänels Nussknacker eben den Atlantik und werden dort geschätzt. Ein Abnehmer ist übrigens auch das Nutcracker Museum im US-Bundesstaat Washington. Dort befindet das Museum im Städtchen Leavenworth zwischen Bavarian Lodge und dem München Haus und einmal im Jahr wird der Nutcrackerday zelebriert, aber eben nicht zur Adventszeit.

 

Einzelstücke lieber als Serien

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen OdenwaldKlar, Nussknacker-Serien sind das Brot und Butter Geschäft, aber eigentlich sind dem Wahl-Odenwälder Einzelstücke lieber – so wie Jans Musiker mit der drehbaren Kappe. Sowieso muss es nicht immer ein Nussknacker sein. Schließlich, betont er, ist er kein Spielzeugmacher wie die Kollegen im Erzgebirge, sondern Drechsler. Und da kommt ihm auch ein Antiquitätenhändler gerade mal recht, der einen Ersatzfuß für einen alten Schrank braucht oder einen passenden Knauf für die Tür. Aber das passiert selten in Mudau.

Mudau. Mich interessiert natürlich, wie der Herr der Nussknacker in Mudau gelandet ist. Er zeigt sich auch hier auskunftsfreudig.

 

Von Zwickau nach Mudau – Hanno Junghänel erzählt

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen OdenwaldDer Mann hinter den vierzig hölzernen, nussknackenden US-Kadetten wird 1958 in der damaligen DDR geboren. Er wächst in Zwickau am Fuße des Erzgebirges auf. Sein Vater arbeitet selbstständig als Drechsler und Holzbildhauer, baut Instrumente und ist vielbeschäftigter Musiker am Wochenende. So findet mein Gesprächspartner, selbst Schlagzeuger, schon in frühen Jahren Kontakt zu bekannten Musikern und Künstlern der DDR.

Er zeigt mir auf einem Monitor eine Reihe von alten Fotos und Autogrammkarten, die ehemalige Größen des DDR-Showgeschäftes zeigen. Und man sieht ihm an, dass er sich gerne daran erinnert, denn die kennt er alle persönlich. Ich kenne keinen. Das enttäuscht ihn ein wenig, weil ich ja im Gespräch erzähle, dass ich als Kind oft DDR-Fernsehen geguckt habe – meine Eltern hatten dafür so einen „Antennenverstärker“ installiert.

Anfang der Siebziger kommt es, wie es kommen muss. Ein Freund und Bandkollege schwärzt Vater Junghänel an. Und der muss – als Selbstständiger im Arbeiter- und Bauernstaat ohnehin misstrauisch von den staatlichen Organen beäugt – für einige Jahre hinter Gitter. Etwa vierzig Berichte verfasst dieser inoffizielle Mitarbeiter (IM) über die Junghänels, selbst noch zu einer Zeit, als die längst in der Bunderepublik leben. Die Übersiedlung/Ausbürgerung vollzieht sich 1975. Die Familie packt also alles in ihren alten Wolga mit Anhänger, was sie mitnehmen wollen und vor allem dürfen. Aber zurück bleibt auch der ältere Bruder, der die DDR nicht verlassen darf.

Der anschließende Exodus führt sie über Gießen und Rastatt nach Mannheim, wo Hanno Junghänel  seine zuvor begonnene Ausbildung zum KFZ-Mechaniker beendet. Es folgt die Ausbildung zum Drechsler auf der Berufsfachschule für das Holz und Elfenbein verarbeitende Handwerk in Michelstadt. Und der Odenwald wird jetzt auch zur neuen Heimat der Familie. In Mudau finden sie ein Haus, das die Einrichtung einer Werkstatt zulässt, was in Mannheim die finanziellen Möglichkeiten sprengen würde.

Heute ist der Mann im karierten Hemd vor mir der letzte der Junghänels in Mudau. Und mit ihm werden irgendwann die Nussknacker aus Mudau wieder so verschwinden wie sie mit der Familie gekommen sind. Doch soweit sind wir längst noch nicht. Bleiben wir im Hier und Jetzt.

 

In der Werkstatt

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald Aus dem Lädchen führt eine Tür in die Räume der vollgestopften Werkstatt, die an diesem Novembertag von einer wohligen Wärme erfüllt ist. Geheizt wird hier nämlich mit den Holzresten der Drechslerei. Zwar geht Junghänel äußerst sparsam mit dem gut durchgetrockneten Holz um, aber in der Regel reicht das bisschen Verschnitt zum Heizen, sagt er.

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald Ich bewege mich fotografierend durch Sägen, Drehbank und Werkbänke. Vorgefertigte Teile wie Beine, Arme oder Rohlinge für Kopfbedeckungen füllen Arbeitsflächen und unzählige Werkzeuge an den Wänden erzählen von hoher handwerklicher Produktivität. Und das Licht in der Werkstatt, das Licht, Leute, das Licht …

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald

 

Und Schluss

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen OdenwaldZurück im Laden kommen wir zum Abschluss unseres Gesprächs noch einmal auf die individuelle Gestaltung von Nussknackern wie den Musiker zurück. Wer von euch jetzt auch einen haben will – und ihr solltet einen haben wollen –  muss mit mindestens vier Wochen Arbeitszeit rechnen. Der Mann ist zwar offen für eure Ideen, aber eben auch ausgelastet. Er drechselt, montiert und bemalt in einer Tour. Trotzdem wird er sich für euch Zeit nehmen, wenn ihr euch die Zeit nehmt. Und wenn ihr noch nostalgische Weihnachtsdekoration für Haus, Hof oder Laden sucht, hier findet ihr welche – das ganze Jahr über. Hier. In der Drechslerei Junghänel. In Mudau. Im Madonnenländchen im östlichen Odenwald.

Nussknacker aus der Drechslerei Junghänel in Mudau im östlichen Odenwald

Fotografie: Thomas Hobein

(Beim Schreiben u.a. gehört: „About Today“ von The National)

 

 

 

 

 

 

 

 

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