Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Likörchen?

„Odenwälder Feine Brände“ in Litzelbach
Odenwälder Feine Brände

Das macht sicher nicht jeder – mit sechsundfünfzig der digitalen Berufswelt den Rücken kehren, um im tiefsten Odenwald eine Brennerei zu betreiben. Das braucht schon jemanden mit ungebremster Energie und Neugier. Jemanden wie Johannes Gehrig und sein Frau Monica. Lest, staunt und fahrt hin, um zu probieren. Kaufen nicht vergessen – die leben davon.

 

Wir sind unterwegs im Südosten des Kreises Bergstraße. Dort liegt der Überwald … Überwald – das klingt wie ein vergessenes Kapitel aus Tolkiens Ring-Trilogie, ist es aber nicht. Den Namen haben wohl die Weschnitztaler erfunden. Wenn die nämlich nach Wald-Michelbach, Grasellenbach oder Abtsteinach wollten, mussten sie über den bewaldeten Höhenzug der Tromm steigen, also über den Wald. Wir bleiben lieber auf der Straße und fahren nach Litzelbach, einem Ortsteil von Grasellenbach, denn dort entstehen Odenwälder Feine Brände. Und dort erwarten uns Monika und Johannes Gehrig. Und zwei Hunde. Zwei Pferde. Und einige ältere Ponys, die just am Vorabend unseres Besuchs eingezogen sind, um hier in Ruhestand zu gehen.

 

Ein Dreiseit(en)hof,
der an die vierhundert Jahre auf dem Buckel hat

Odenwälder Feine Brände

Die Einfahrt ist geschlossen und wir gehen von der Straße eine Treppe hinunter durch einen Buntsandstein-Bogen, der so niedrig ist, dass man den Kopf einziehen muss. Johannes weist beim Betreten und Verlassen immer wieder darauf hin. Der Hof fällt nach hinten leicht zur Brennerei ab. Links befindet sich das Wohnhaus und rechts eine große Scheune mit einem beeindruckend bunten Ziegeldach. Der rund vierhundert Jahre alte Gebäudekomplex steht als sogenanntes „Alleinstehendes Kulturdenkmal“ unter Denkmalschutz.

Odenwälder Feine Brände

Vor etwas mehr als einer Dekade (zum Zeitpunkt unseres Besuchs) haben die Gehrigs den Hof gekauft und seitdem arbeiten sie unermüdlich daran und entdecken auch immer wieder Neues. So haben sie unlängst einen alten Backofen wiederendeckt, der wohl in den Neunzehnhundertsechziger Jahren hinter einem Bad verschwand. Die bauliche Substanz des Backofens ist noch so gut, dass demnächst dort wieder Brot gebacken werden soll. Aber bis dahin liegt noch so einiges an Arbeit vor den beiden emsigen Überzeugungstätern. Wie überhaupt. Man verlustiert sich hier nicht in schwülstiger Landlustromantik – hier wird gearbeitet, wenn auch genussvoll. Die Landwirtschaft ist ein angemeldeter Betrieb mit Obstbäumen, Pferden und Rindviechern als Sommergäste auf der Weide. Und natürlich mit der Brennerei.

 

Probieren geht über Studieren – zum Glück

Odenwälder Feine Brände

Wir pflanzen uns gemeinsam in die Probierstube in dem Gebäude, das auch die Brennerei beherbergt. Und bekommen aufgetischt: Brände, Liköre, Marmeladen und Chutneys. Wir probieren dosiert – meine Dosierung liegt mittelschwer höher, denn ich muss ja nicht fahren. Alles ist sehr fruchtbetont, aber nicht so pappig süß (ja liebe Hessen, so schreibt man pappig – wie ihr es aussprecht ist euch überlassen). Also wenn mich Nicht-Likörer da einer fragt: „Likörchen?“ Dann nicke ich und bestätige: „Likörchen.“ Spontan beschließen wir das „Eichhörnchenparadies“, einen prämierten Likör aus grünen Walnüssen, in unser Angebot für den bevorstehenden Weihnachtsmarkt in Michelstadt aufzunehmen. Aber natürlich süffeln und mampfen wir nicht nur, wir reden sogar, hören aber meistens nur zu – wie das so unsere Art ist.

Odenwälder Feine Brände Johannes Gehring

Im ersten Leben waren der Mannheimer und die Ernsthoferin nicht Landwirte, Brenner oder Marmeladeure. Johannes war bis 2013 Programmierer in Weinheim, Monica war Verwaltungsangestellte. Dann – Ausstieg, Quereinstieg, Querdenken, Andersmachen.

Odenwälder Feine Brände

Mit sechsundfünfzig drückte Johannes dazu in der Ortenau noch einmal für zwei Jahre die Schulbank und machte den Abschluss als staatlich geprüfter Brenner. Und es hat auch einige Jahre gedauert eine bezahlbare Brennlizenz zu bekommen Aber jetzt, jetzt macht er feine Brände – nicht etwa Edelbrände (Stichworte: Andersmachen, Differenzieren) und Liköre. In Zusammenarbeit mit einer Sektkellerei produziert er perlenden Secco aus Äpfeln und Johannisbeeren.

Odenwälder Feine Brände Monika

Odenwälder Feine Brände

Monica widmet sich Marmeladen und Chutneys. Beide zusammen probieren auch immer wieder Neues, aber immer mit der Prämisse, dass alles aus echten Naturprodukten entsteht und nichts dem Zufall überlassen wird.
Die verarbeiteten Äpfel stammen von eigenen Streuobstwiesen, alle verarbeiteten Früchte aus der näheren Umgebung. Nur Aprikosen und Sauerkirschen sind regional kaum zu bekommen und werden deshalb von einem Obsthof in Ingelheim bezogen.

Odenwälder Feine Brände

Bezeichnend für die Produkte der „Odenwälder Feine Brände“ ist, möglichst immer einen kleinen Unterschiede herauszuarbeiten. Johannes führt einige Beispiel an: Der Apfelweinbrand lagerte in einem Fass aus leicht getoasteter französischer Eiche, die vorher einen Apfelwein beherbergte. Der Rauhbacher Jockel (in Zusammenarbeit mit der Privat-Brauerei Schmucker) ist kein Bierbrand im herkömmlichen Sinn, denn er wird aus dem übriggebliebenen Alkohol des alkoholfreien Bieres (Export/Weizen) der Brauerei gebrannt und dann in einem altem Burbon-Fass (vorher war Rosébock drin) gelagert. Die Mondbrände aus Boskop oder Spätburgunder nutzen das überlieferte Wissen um die Mondrhythmen nach Maria Thun für maximalen Ertrag und optimale Verarbeitung – so die hauseigene Website.

 

Die Geschichte von einem, der den guten Likör retten will

Männer und Likör – das geht eigentlich nur in den Wettbewerbspausen beim Handtaschenweitwurf, denke ich. Denken die Männer, die hier in Litzelbach zum Tasting antanzen, jedenfalls zuerst. Aber: Falsch. Ich habe ja oben im Text bereits die Hose heruntergelassen, alle anderen tun es dann wohl während der Proben. Johannes arbeitet sehr bewusst gegen den schlechten Ruf des Likörs – beginnend mit dem kaltgepressten Fruchtsaft, der anschließend tiefgefroren wird.

Wer auch mal probieren will, informiert sich am besten auf der Website über die vielfältigen Möglichkeiten. Die sehr gefragten „Liqueur und Destillats-Tastings“, wie sie hier genannt werden, dauern etwa zwei Stunden – angereichert mit viel Wissens- und Trinkenswertem. Wie auch in anderen Brennereien schon erlebt – man genießt dabei die Produkte, das Ambiente und was die Produzenten zu erzählen haben. Besoffskis sind hier fehl am Platz und merken das auch immer schnell.

Unter der Websiten-Rubrik „Termine“ finden Interessierte Märkte und Veranstaltungen in der Region, auf denen Monica und Johannes mit ihren Produkten verteten sind.

Odenwälder Feine Brände

Odenwälder Feine Brände

Abschließend werfen wir noch einen Blick in die Brennerei und hinter das Haus, wo die Rentner-Ponys weiden. Einer der beiden Hunde erklärt denen gerade lautstark, wie sie sich als Neulinge zu verhalten haben. Die langhaarigen Unpaarhufer zeigen sich in ihrer Lebenserfahrenheit aber nur mäßig beeindruckt von den gekläfften Anweisungen.

Odenwälder Feine Brände

Für uns ist es Zeit aufzubrechen und den Überwald zu verlassen, der zwar frei von Hobbits ist, aber eine waschechte Siegfried-Quelle zu bieten hat, nicht mal zweitausend Meter Luftlinie von der Brennerei entfernt. Dann ist vielleicht doch noch Zeit für ein Schlückchen Likör namens Alberichs Erkenntnis. Nee, aber weil wir brav waren kriegen wir noch ’nen Keks von Monica und Johannes. Und zwar einen ganz besonderen. Was auch sonst?

Fotos und Bildbearbeitung: Thomas Hobein

(Beim Schreiben mal was ganz anderes gehört: „In Praise of Dreams“ von Jan Gabarek)

 

1 Kommentar zu “Likörchen?

  1. Ein schöner Einblick in die Brennerei & ein toller Beitrag dazu! Vielen Dank dafür, ich habe es gerne gelesen 🙂 Es ist immer schön zu sehen wie viele kleine Höfe, einzelne Personen und lokale Firmen sich dem „Trend“ zu „bigger and better“ entgegen stemmen und viel Wert auf Qualität und lokale Produkte setzen. So sollte es sein 🙂
    Viele Grüße,
    Kathi von Küchensachen

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