Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Alles Bio, oder was?

Vom vermeintlichen Boom der guten Lebensmittel
Alles Bio, oder was?

Nimmt man die mediale Präsenz des Themas für bare Münze, müssten die Geschäfte mit Bio-Produkten vollgestopft sein, die von bewusst lebenden Vegetariern mit Laktose-Intoleranz aus den Regalen gerissen werden. Aber ist das tatsächlich so? Mal sehen.

 

Dieser Artikel war eigentlich nicht geplant, aber dann stand ich unlängst im REWE meines Misstrauens. Dort widmeten sich gerade zwei Frauen dem Butter-Sortiment im Kühlregal. Und angesichts der aktuell hohen Preise sagte die eine der beiden: „Da kann ich ja gleich Bio nehmen.“ Und ich habe mich gefragt, warum tut sie es dann nicht. Und „blöde Kuh“ habe ich gedacht, aber das würde ich niemals zugeben. Auf jeden Fall aber fühlte ich mich irgendwie herausgefordert. Und das nehme ich sehr persönlich.

 

Lippenbekenntnisse

Wie es der Zufall will, habe ich gerade für ein Unternehmen, das nachhaltige Mode entwirft, herstellt und vertreibt, eine Marken-Strategie entwickelt. Und bei den Recherchen dazu bin ich auf folgenden Umstand gestoßen:

„Nach eigenen Angaben kaufen innerhalb eines Jahres etwa dreißig Prozent der Deutschen ein nachhaltig produziertes Kleidungsstück. Für rund dreiundsiebzig Prozent der Befragten ist es sogar sehr oder eher wichtig, dass Bekleidung nachhaltig produziert wird.[1]

Tatsächlich aber sind ökologisch produzierte Textilien ein Nischensegment. So ist beispielsweise der Marktanteil von Textilien und Bekleidung mit dem GOTS-Label (Global Organic Textile Standard) mit 0,05 Prozent verschwindend klein.[2]

Die Aussagen der Befragten sind also Lippenbekenntnisse – Versprechen, die nur geäußert werden, um sich zu profilieren, aber nicht die innere Überzeugung ausdrücken. Man könnte auch von Heuchelei sprechen.

Betrachten wir einmal nach dieser Erkenntnis den Anteil der nachhaltig produzierten Lebensmittel am Gesamtmarkt. Laut foodwatch liegt der Ende 2015 unter fünf Prozent.[3]

Fünf Prozent, Leute. Zwar wachsen sowohl die Marktanteile nachhaltiger Textilien als auch die der Lebensmittel, aber bis wir da von einem Boom reden sollten, braucht es wohl noch einige Jahre.

Deutschland war 2015 in der Gesamtbetrachtung der größte Bio-Markt in Europa, aber im Umsatz pro Kopf haben andere Länder die Nase deutlich vorn. Hier einige Vergleichswerte: Europa 37 Euro, EU 53 Euro, Deutschland 106 Euro, Schweiz 262 Euro (Angaben pro Kopf und JAHR für ökologisch erzeugte Lebensmittel).[4]

Fasst man all das zusammen und berücksichtigt man, dass rund neunzig Tiefkühlpizzen in Deutschland jährlich pro Kopf verzehrt werden[5], entspricht die mediale Präsenz des Themas „Bio“ nicht dem Verbraucherverhalten. Leider.

Man brüstet sich gern damit, bewusst zu leben und zu genießen, aber die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache. Wie schon Konfuzius sagte: „Wer offen über alles redet, der wird es kaum ausführen.“

Dennoch ist es wünschenswert, dass die Medien bei der Stange bleiben. Wie sonst sollte ein Umdenken gefördert werden als durch Leitbilder und Impulse, die zu einer nachhaltigeren Lebensweise führen und zu natürlich erzeugten Lebensmitteln – mit oder ohne Bio-Siegel.

 

 

Leider teuer: Bio

„Leider teuer“ war eine Zeit lang der amüsante Claim des recht hochpreisigen Mode-Labels René Lezard. Augenzwinkernd spielte die Marke damit, dass ihre Käufer etwas Besonderes bekämen, wenn sie es sich leisten könnten und auch würden. Doch was in der Mode funktioniert, funzzt beim Essen wohl nicht – so mal im Internet-Sprech ausgedrückt.

„Da kann ich ja gleich Bio nehmen (tue es aber nicht),“ um noch einmal zum Anfang zurückzukehren. Dieser gern zur Entschuldigung vorgetragene Grund, auf konventionelle Lebensmittel zurückzugreifen, entspricht aber eben auch der Wahrheit, wenn man im Supermarkt die Preise zwischen Bio-Ware und herkömmlich erzeugten Produkten vergleicht. Aber das hat auch seinen Grund. Denn die Gesetzgeber legen den bio-zertifizierten Betrieben so manchen Stein in den Weg, der sich dann im Preis für die Verbraucher niederschlägt.

Beispielsweise haben konventionell arbeitende Betriebe Kostenvorteile, weil sie nicht für die von ihnen verursachten „erlaubten“ Umweltschäden aufkommen müssen – z.B. durch Phosphate, Nitrate und Pflanzenschutzmittel. Die Kosten dafür trägt die Allgemeinheit.

Gilt in der Rechtsprechung, dass dem Täter dessen Schuld nachgewiesen werden muss, muss der Bio-Betrieb seine Unschuld beweisen. Das führt nicht nur zu höherem Arbeitsaufwand, sondern auch zu regelmäßigen und sporadischen unangekündigten Kontrollen, die auch noch bezahlt werden müssen. Jährlich fallen dabei je nach Betrieb und Kontrollstelle einige hundert Euro an. Das ist eine Menge, setzt man es in das Verhältnis zum Verdienst eines Landwirtes. Hier habe ich verschiedene, teilweise stark abweichende Zahlen gefunden, aber „zum Reich werden“ taugt keine davon. Danach liegt der durchschnittliche Verdienst in Deutschland bei 1.772 Euro[6] bis 3.300 Euro[7]. Das ist der Brutto-Verdienst von dem Sozial-Abgaben, Altersvorsorge und Investitionen in den Hof abgezogen werden müssen. Und da machen „einige hundert Euro“ für die Kontrollen eines zertifizierten Betriebs schon einen erheblichen Teil aus. Und der wandert eben zum Verbraucher.

In diesem Zusammenhang wundert es mich nicht – anders als das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, dass viele Betriebe zwar nachhaltig arbeiten, aber nach wie vor auf eine Zertifizierung verzichten oder sie sogar zurückgeben (jährlich mehr als 600, wie die Zeit einst schrieb[8]). Aber ich heiße ja auch nicht Christian Schmidt und/oder süffele Glyphosat.

Und da wir schon dabei sind: Bio-Erzeuger versus konventionellen Produzent, das ist keine Gegenüberstellung von Gut und Böse und auch keine von „schmeckt oder schmeckt nicht“. So einfach ist das Leben, wie es sich Normen-Junkies, Angsthasen und Umwelt-Romantiker vorstellen, eben doch nicht. Ihr müsst schon probieren. Es gibt unter den „Normalos“ der Ackerbauern, Viehzüchtern, Winzern und Obstbauern viele verantwortungsvolle, umsichtige Vertreter wie Arschgeigen unter den Bio-Erzeugern und umgekehrt.

Aber heißt das jetzt, dass die Kennzeichnung von ökologisch erzeugten Lebensmitteln überflüssig ist?

 

Die Bio-SiegelEU-Bio-Siegel

In einer Zeit der Globalisierung wird erstmals nicht nur dem Philosophen seine eigene Bedeutungslosigkeit im unendlichen Weltgeschehen bewusst, sondern jedem Einzelnen dieses „Ausgeliefertsein“ in einer für alle unüberschaubaren Welt. Klar, dass viele versuchen wenigstens ein „kleines bisschen Sicherheit“ (Silbermond) zu ergattern, Hinweise auf ein Mindestmaß an möglicher Selbstbestimmung. Und da geben gerade dem (Groß-)Städter Bio-Siegel hilfreiche Tipps.

Die Landmaus hat gegenüber der Stadtmaus den Vorteil, dass sie sich selbst davon überzeugen kann, welche Gülle der Bauer auf seinen Kohl kippt oder wie er seine Tiere aufzieht, ernährt und behandelt. Doch wie machste das in Berlin-Mitte oder Frankfurt-Sachsenhausen? Eben durch eine entsprechende Kennzeichnung.

Nun, es gibt ja eine ganze Menge Bio-Siegel und ich drösele die hier jetzt nicht auf. Aber nach Focus ist dabei das EU-Biosiegel das Minimum[9]. Das sechseckige deutsche Siegel darf übrigens seit geraumer Zeit nur neben dem EU-Siegel gezeigt werden. Klar, das da Geld im Spiel ist. Aber eigentlich ist es inzwischen bedeutungslos. Viel höhere Anforderungen in ökologischer Hinsicht an Erzeuger und Hersteller stellen da Biokreis, Bioland, Biopark, Demeter, Ecovin, Gäa, Naturland und teilweise auch zusätzliche regionale Siegel. Hier lohnt das Hinsehen durchaus, um den eigenen Weg zu finden. Einen wirklich guten Überblick über die Bio-Siegelitis findet ihr auf Wikipedia.[10]

 

Fazit

Die nachhaltige Erzeugung von Lebensmitteln ist wahrhaftig nix Neues. Seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts agieren Verbände entsprechend und vertreten ihre Ansicht nach außen. Dass die entsprechend produzierten Waren bisher einen so kleinen Marktanteil erreicht haben, weist nicht etwa auf ihre Bedeutungslosigkeit hin, sondern auf die Ignoranz der Konsumenten und die wirtschaftlichen Interessen der Industrie. Die europaweite Politik begünstigt das zwar, aber erzeugt diesen Effekt nicht. Der liegt in Gier, Interessenlosigkeit und Dummheit – von mir, von dir, von uns. Ändern können nur wir das. Die da oben werden es nicht tun. Also – make my day, your day or our day. Und sagt nicht: „Da kann ich ja gleich Bio nehmen.“ Macht es – mit oder ohne Siegel.

(Beim Schreiben u.a. gehört: „Desire Lines“ von Camera Obscura)

 

Hinweise

Wie die Fußnoten zeigen sind die aufgeführten Jahreszahlen aus unterschiedlichen Jahren, aber alle liegen nach 2010 und liefern so durchaus aufschlussreiche Angaben, wenn auch nicht unbedingt tagesaktuell.

[1] https://www.splendid-research.com/slowfashion.html

[2]Gesellschaft für Konsumforschung 2016: Marktdaten Ökolabel GOTS

[3] https://www.foodwatch.org/de/informieren/bio-lebensmittel/mehr-zum-thema/die-maer-vom-bio-boom/

[4] https://www.foodwatch.org/de/informieren/bio-lebensmittel/mehr-zum-thema/zahlen-daten-fakten/

[5] https://www.brandeins.de/archiv/2007/kleine-schritte-grosse-wirkung/die-welt-in-zahlen/

[6] https://www.markt.de/ratgeber/jobs-karriere/was-verdient-ein-landwirt/

[7] https://www.topagrar.com/news/Home-top-News-Betriebe-haben-im-Durchschnitt-58-100-EUR-verdient-je-Landwirt-39-700-EUR-1011288.html

[8] http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-12/bio-bauern-oekolandbau

[9] https://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/news/bio-siegel-im-vergleich-was-die-verschiedenen-oeko-label-sagen_aid_921933.html

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Bio-Siegel

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