Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Noch im Fass

Die 2017er Weine von Hanno Rothweiler in Bensheim-Auerbach
Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

Wenn die Jungspunde noch in ihren Fässern und Tanks darauf warten, sich in Flaschen zu ergießen, können sie sich noch deutlich vom abgefüllten Wein unterscheiden. Irgendwie pubertieren sie vor sich hin, gaukeln ihre Reife vor oder provozieren Fehlurteile – jedenfalls bei Laien wie uns. Deshalb überlegen sich die Winzer gut, wen sie dann schon mal probieren lassen. Wir durften. Und wir haben.

 

Alles beginnt an einem „crispy clear winterday“, wie ich einmal für einen Renault-Werbespot schrieb, der allerdings nie gedreht wurde, weil die Franzosen nun mal nicht englisch sprechen. Und bevor mir das hier auch passiert: Der Himmel über Weingut Rothweiler in Bensheim-Auerbach an der Bergstraße ist strahlend blau. Es ist arschkalt. Deshalb bleiben die Jacken auch an, während wir uns durch Fässer und Tanks probieren.

Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

Wir drei folgen Hanno auf dem Fuße und widmen uns dem Riesling. Eigentlich sollte noch das Team eines ortsansässigen Gastronomie-Betriebes teilnehmen, aber die haben gerade abgesagt, als wir das Weingut betreten haben. Nach dem Weißburgunder stößt noch Michael Bode-Böckenhauer vom Vinocentral in Darmstadt mit Sohn Lasse dazu.

 

Herausforderung: 2017

Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

„Ein problematischer Jahrgang,“ sagt der Winzer während er auf der Leiter vor einem der Riesling-Tanks steht. „Ich meine nicht die Qualität, die Menge fehlt,“ fährt er fort.

Frosteinbrüche führten auch an der Bergstraße punktuell zu starken Ausfällen, unterschiedlich schon von Lage zu Lage. Besonders betroffen ist hier Rothweilers St. Laurentius in Alsbach. Siebzig Prozent der geplanten Menge fehlen. Insgesamt ist er aber noch ganz gut weggekommen, sagt er. Schlimmer betroffen sind einige seiner Traubenzulieferer. Dort hat der viele und teils heftige Regen im Juni und Juli bis zu etwa einem Viertel der Ernte vernichtet. Und natürlich bringen die zehn Prozent Neuanlagen der gesamten Anbaufläche auch nichts ein. Zusammengenommen klingt das nach wenig und das ist es auch.

Ich frage, ob die fehlende Menge an Wein zu höheren Preise führen wird. Er antwortet: „Das ist kaum bis gar nicht möglich.“ Tatsächlich ist der Preisdruck im Markt hoch, insbesondere verursacht durch saugünstige Importweine. Kann ich nur bestätigen. In meinem Bekanntenkreis gibt es so einige passionierte Rotweintrinker, die nur wegen des Preises auf deutsche Weine verzichten – längst nicht mehr aus Qualitätsgründen, wie lange vorgegeben.

Aber von der fehlenden Menge des Jahrgangs auf dessen auf die Qualität zu schließen, wäre kurz gedacht, denn die ist sehr, sehr ordentlich. Hohe Extraktwerte im Zusammenspiel mit einer gut eingebundenen Fruchtsäure ziehen sich wie ein roter Faden durch den Jahrgang. Mir gefällt’s.

 

Jetzt endlich zum Wein … oder vielleicht noch dies

Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

Jungweinproben aus dem Fass macht Hanno Rothweiler eigentlich nicht mit Publikum. Denn die Leute können sich im allgemeinen einfach nicht vorstellen, dass aus dem Probierten noch ein guter Wein werden kann und schlechte Nachrichten verbreiten sich … ihr wisst schon.

Aber vor der Abfüllung ist der Wein eben kaum entsäuert (durch die Zugabe von geschmacksneutralem Weinstein wird der Wein vor dem Abfüllen gezielt entsäuert), weil er so weniger anfällig ist. Er enthält auch noch keine Süßreserve. Und die bitteren Noten von der noch vorhandenen Hefe im Wein sind auch nur etwas für Menschen mit gutem Vorstellungsvermögen oder eben für Profis. Außerdem reifen die Weine in der Flasche ja auch noch nach. Aus diesem Grund werden wir auch „nur“ erste Eindrücke schildern – fern jeglicher schwelgerischen Wein-Lyrik. Und jetzt zur Sache.

Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

Bei der Probe stellen wir fest, dass auf den Tanks und Fässern immer ein Aufkleber verrät, was einen erwartet. Hier sind Jahrgang, Lage, Sorte, Qualitätsstufe, Lesenummer, Restzucker, Hefestamm und Datum des ersten Abstichs vermerkt. Ordnung muss sein. Guter Geschmack aber auch. Also los – vom Riesling über die Burgunder hin zu den Bukett-Sorten bis zu den Roten. 2017er – wir kommen.

 

Die Rieslinge

Der Tank am äußersten Südende des Raumes beherbergt einen Riesling, der sich nicht im Angebot des Weingutes wiederfinden wird. Hier reift der Wolfsmagen, der ausschließlich für das Weinhaus Hahnmühle in Bensheim abgefüllt wird. Ein frischer, rauhbeiniger Bursche, denke ich. „Und aus der wildesten Weinlage vor Ort“, wie Hanno Rothweiler erzählt. Die Trauben stammen aus einem Wingert im Bensheimer Streichling (innerhalb der namensgebenden Großlage Wolfsmagen), der einer Dame von einundachtzig Lenzen gehört. Der Siebzehner ist ihr letzter Jahrgang, denn sie hat gerade die Geschäfte an einen deutlich jüngeren Herrn von dreiundsiebzig übergeben.

Hanno bugsiert die Leiter zu einem anderen Tank und füllt die Gläser. Der Aufkleber sagt: 2017, Zwingenberger Steingeröll, Riesling Spätlese. „Als würde man zwei Feuersteine aneinander schlagen,“ Chris Keylock erkennt das im Gegensatz zu mir. Der Winzer sagt, dass diese Röstnote dem Lößlehm mit Granitverwitterungen zu verdanken sei. Und dass die Lage eigentlich ein grauenhafter Steinbuckel sei, auf dem jedes Jahr ein anderer und immer wieder sehr eigener Wein wächst. „Was diesen Jahrgang ausmacht, verliert er in regenarmen Jahren. Dann verwandelt die Sonne diesen angenehmen, begleitenden Röstton in einen angebrannten Geschmack. Das zeigt, dass die Bezeichnung „Grand Cru“, denn das Steingeröll entspricht diese Bezeichnung, keine Garantie für tollen Wein ist.“

Der dritte Riesling ist eine fruchtige Spätlese. Diesmal allerdings aus dem Auerbacher Fürstenlager. Der ist schon so dermaßen angenehm auf der Zunge, dass wir ihn gleich so wegsüffeln könnten. Wer braucht schon Flaschen? Aber so kommt dem Winzer dieser Wein nicht durch. Aus ihm wird ein trockener Kabinett. Und zwar der seit über dreißig Jahren Beliebte. Der mit der Nummer „3“ auf der Liste der rothweilerschen Rieslinge. Dazu cuvetiert er diese nicht ganz so leichte Spätlese aus dem Auerbacher Fürstenlager mit einer tatsächlich leichten vom Bensheimer Hemsberg. In Zahlen: 9,8 g Restzucker treffen auf 0,4 g. Dazu werden die beiden Weine so in einem Verhältnis zueinander „verheiratet“, dass sie gemeinsam etwa 6 g Restzucker aufweisen. Das darf sich dann dem Weingesetz folgend Kabinett nennen und bietet dem Kabinett-Liebhaber das immer beliebtere leichte Geschmacksbild.

 

Der Grauburgunder

Diese trockene Wuchtbrumme mit 13,5 % Alkohol stammt aus dem Auerbacher Fürstenlager und ist teilweise im Holzfass vergoren. Der wird seinen Weg machen. Aber mal am Rande – Hanno und viele andere Winzer können das Wort „Grauburgunder“ manchmal schon kaum noch hören. Aber es ist nun mal weltweit der Überflieger der letzten Jahre. Und wird halt häufig gegenüber dem Riesling bevorzugt, dem ja die viele magenbelastende Säure nachgesagt wird. Oder besser ausgedrückt, nachgeplappert wird. Klar, ein Riesling hat eine andere, zitronigere Säuere als ein Burgunder, aber nicht unbedingt mehr. Doch wer nicht zugeben will, dass er keine Ahnung hat, kann zumindest mal über die Säure im Riesling schwadronieren.

 

Der Auxerrois

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Das ist neben dem Ehrenfelser mal wieder so eine Rebsorte, die ihr nicht überall, aber hier finden könnt. Das ist so eine Sorte, die dem Hanno Spaß macht. „Ne Waffe,“ wie er sagt. Und diese Waffe bringt viel mehr Frucht mit als der Grauburgunder zuvor. Auch der Sprung von 0,5 g (hat der Grauburgunder) zu 5,3 g Restzucker tritt hier krass zutage. Solche klar differenzierenden Momente erlebt ihr eigentlich nur während einer (normalen) Weinprobe, die hiermit dringend empfohlen sei.

 

Der Weißburgunder

So, das ist meiner. Frisch. Filigran. 8,7 g Restzucker. Wegen solchen Weißweine sinkt mein Rotwein-Konsum. Nebenbei bemerkt Hanno, dass ihm die Probeabfolge gefällt. Mir gefällt der Weißburgunder. Und so nötige ich auch Michael Bode-Böckenhauer, der gerade dazu gestoßen ist, zur Probe. Der guckt professionell, lässt sich nicht in die Karten schauen. Und ich freue mich, dass ich kein Profi sein muss. Aber auch hier fehlt wieder die nötige Ertragsmenge aus dem Auerbacher Rott, wird aber in den nächsten Jahren steigen, prognostiziert unser Gastgeber. Und dass Weißburgunder im Kommen ist.

 

Der Chardonnay

Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

Der Chardonnay-Geschmack, den jeder so kennt, resultiert aus dem sonst rotwein-üblichen Biologischen Säureabbau (BSA) und der Lagerung im Holz oder auf Spänen. Die reine Sorte würde sonst wohl eher sehr neutral schmecken. Dieser hier entstammt dem Auerbacher Fürstenlager und bereitet sich auf seinen Auftritt in einem Tank vor, der an der frischen Luft steht. Draußen in der Saukälte. Aber eine Fass-Heizung hält ihn warm oder kühl, aber immer richtig. Während unsere Gläser gefüllt werden hören wir: „Sensationell, ein Traum.“ 8,7 g Restsäure und 1,5 g Zucker. Der Säurewert klingt nach viel, stört aber nicht. Denn der Wein hat von selbst aufgehört zu gären. Und deshalb fühlt sich der Geschmack der Fructose viel süßer an als der der Glucose. Und von oben von der Leiter klingt es leise: „Der ist eine Rakete und dann auch noch eine tolle Ernte.“

 

Der Ehrenfelser

Es ist der fünfte Jahrgang des raren Gewächses aus dem Auerbacher Fürstenlager. Gerade mal auf einem Hektar Fläche wird dieser Weißwein an der Bergstraße* angebaut. Bundesweit sind es 2015 nur noch fünfzig Hektar* gewesen. Tendenz fallend. Hanno Rothweiler dazu: „Klar muss man die Sorte mögen, aber die ist so selten und die muss man bewahren.“ Ich mag ihn und trage trinkend dazu bei, ihn zu bewahren. Und im Darmstädter vinocentral mag man Ehrenfelser aus Auerbach ebenfalls. Dort gibt es z.B. eine Sonderabfüllung des sehr trockenen 2016ers.

  

Der Gewürztraminer

5,7 g Restzucker, Säure so um 6,0 g – ausgewogen präsentiert sich der Gewürztraminer aus dem Auerbacher Fürstenlager. Den könnte man auch ohne Süßreserve jetzt schon abfüllen, hören wir. Nicht so üppig, aber ganz klar als Gewürztraminer erkennbar.

 

Gelber Muskateller

Diese Sorte ist der Überraschungswein der letzten Jahre. Und zeigt, dass Bukettweintrinken wieder en vogue ist. Und mit nur 68° Oechsle liefert er den Beweis, dass man nicht immer ein hohes Mostgewicht bei der Lese braucht (Durchschnitt 80/85°) – im Gegensatz zu der Meinung vieler. Dem Muskateller kommt das ja auch entgegen, weil er früh gelesen werden sollte, denn Fäule oder Edelfäule zerstören sein Aroma. Dass diese Philosophie nicht ganz falsch sein kann, lässt sich ganz prima an den Platzierungen dieses Weines innerhalb einer Muskatellerprobe ablesen. Abgefüllt landete dabei der Gelbe Muskateller auf Platz Eins und die Fassprobe auf Platz Drei. Hanno Rothweiler macht eben gerne Weine, die ihm schmecken, aber auch seinen Kunden.

 

Der Syrah

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„Was man mit Freunden eventuell, mit Bekannten eher nicht, mit Kunden aber nie tut: Jungweinprobe beim Rotwein.“ Das sagt der Auerbacher Winzer neben den Holzfässern, in denen seine Rotweine lagern. Wir tun es trotzdem, reden aber nicht darüber. Oder fast nicht. Dieser Syrah hat noch zwölf Monate Zeit, sich zu entwickeln. Erst dann wird er abgefüllt. Der Biologische Säureabbau hat bereits stattgefunden. Er ist noch nicht weiter entsäuert. Aber frisch geschwefelt, um die Struktur und den Farbton zu erhalten, die Oxidation zu vermeiden. Er duftet nach Syrah, ein bisschen grasig und grün. Und kommt, wie gesagt, erst in einem Jahr auf die Flasche.

 

Der Primitivo

Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

Wir probieren, aber es ist eigentlich inzwischen allen klar, dass wir nicht fassen können, was aus dem Fassinhalt wird. Interessant ist aber auf jeden Fall, dass an der Bergstraße nicht mal ein Hektar Anbaufläche für Primitivo (wie auch beim zuvor beschriebenen Syrah) zu Buche schlägt.* Und dass dieser hier überhaupt in ein Fass gelangt ist, war eher ein Zufall. Ein Kumpel von Hanno, Markus Assmann, hat in der Nachbarschaft auf einer Wiese alte Reben gefunden. Die Sorte nennt sich Blauer Heunisch oder Zinfandel oder eben Primitivo. Er hat seinen Fund ergänzt und liefert die Trauben aus seinem Wingert jetzt nach Auerbach. Sozusagen in diese Fässer.

 

Wir machen drin weiter

Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

Leckere Weine, innere Wärme, aber kalte Füße – wir machen drin weiter. In der Vinothek bollert der Holzofen. Wohlige Wärme fördert dort den spontanen Verzicht auf Jacken. Die Fässer bleiben draußen, wir widmen und jetzt Flaschen.

Zuerst präsentieren sich zwei 2016er Sonderabfüllungen des vinocentral in Darmstadt, Weinhandlung des Jahres 2017. Eine seltene Cuvée aus weißem und rotem Riesling und dann der bereits erwähnte Ehrenfelser. Beide Weine gibt es nur in der Darmstädter Weinhandlung. Die Cuvée steigert meine Aufmerksamkeit nicht ganz so wie der sehr trockene Ehrenfelser, aber ich bin ja auch Artenschutzbeauftragter in Sachen Wein oder so. Doch die Mienen der Anwesenden bestätigen mich.

Es folgt ein juveniler bereits abgefüllter Roter Riesling. Jahrgang 2017. Harmonisch, frisch und mit kräftiger Säure. Außerdem trägt der Jüngling eine noch leichte Hefenote in sich, die aber nicht stört, weil er genügend Restzucker in sich trägt. „Weißweiler“ hat Gladbach-Fan Rothweiler seine neue Weißwein-Cuvée genannt, die in sich Rieslinge aus verschiedenen Lagen vereint (aber dieses Mal keinen Roten Riesling) und auf die kommende Sommerfrische hoffen lässt. Dann taucht eine Flasche des Weißburgunders auf, den wir bereits am Fass probiert haben. Der schlanke, elegante Typ überzeugt mich auch hier. Kauf ich. Den Abschluss bildet ein Cabernet Sauvignon Weißherbst aus dem Auerbacher Fürstenlager mit einen deutlichen Note von grünem Paprika. Schöner Wein, aber nur begrenzt lieferbar. Eben ein 2017er.

Weingut Rothweiler Jung-Weinprobe

So, das war’s. Dreieinhalb kurzweilige Stunden liegen hinter uns. In dieser vinifizierten Wundertüte namens Weingut Rothweiler. Wo eine Überraschung die nächste jagt. Ich nehme natürlich noch Weißburgunder und Ehrenfelser mit nach Hause, bleibe aber für den Rest des Tages trocken. Echt. Aber wenn es schmeckt, brauchst du einfach weniger.

Probiert und dabei probiert zu fotografieren hat Thomas Hobein

(Beim Schreiben gehört: „Protection“ feat. Tracey Thorn vom gleichnamigen Massive Attack Album)

 *Quelle: Statistisches Bundesamt, Grunderhebung der Rebflächen, 2015

 

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