Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Semmede

Eine kulinarische Spurensuche
Odenwälder Semmede aus Buchweizenmehl

Semmede, so nennt sich ein (fast) vergessenes „Arme-Leute-Gericht“, dass früher in ländlichen Gebieten zwischen Rhön und Bauland, Tauberfranken und Odenwald bekannt war. Ein verbindliches Rezept gibt es nicht.

 

Das Wort „Semmede“ leitet sich vom mittelhochdeutschen „samet“ ab, was beisammen, zusammen oder zugleich bedeutet. Mich erinnert das an das berühmte Gemälde „Die Kartoffelesser“ von Vincent van Gogh, auf dem eine bäuerliche Familie um einen Tisch sitzt und gemeinsam Kartoffeln aus einer Schüssel essen. Tatsächlich werden Semmede in der Rhön auch aus Kartoffeln und Mehl zubereitet, im Odenwald wohl aber nur aus Buchweizenmehl. Und das habe ich ausprobiert, würde mich aber sehr über eure Tipps und Hinweise freuen, um der authentischen Speise möglichst nahe zu kommen.

 

Ein recht unergiebige Recherche

Das erste Mal bin ich auf dieses regionale Gericht im „Bergstraße Weinlesebuch“ gestoßen. Dann in Karl Schwinns „Essen und Trinken im Odenwald“. Und schließlich noch in dem Kochbuch „Odenwald, Kulinarische Streifzüge“. Die aufgeführten Rezeptbeschreibungen gehen aber allesamt auf Schwinns Ausführungen zurück – auch diejenigen, die ich zusätzlich im Internet fand.

Um mehr „Futter“ zu bekommen habe ich einige Monate rumgefragt. Aber außer Armin Treusch aus Reichelsheim wusste niemand so recht mit meiner Frage etwas anzufangen. Und das ist ja auch kein Wunder, denn wie Karl Schwinn schon vor etwa vierzig Jahren schrieb: Der Name dieser früher alltäglichen Speise ist älteren Leuten noch bekannt. In einer Familie in Gersprenz werden noch Semmede gegessen.

Ihr seht, viel habe ich nicht gerade herausbekommen und bin offen für alle Informationen und Anregungen. Und jetzt aber los.

 

Der Buchweizen

Odenwälder Semmede aus BuchweizenmehlDer anspruchslose Buchweizen ist kein echtes Getreide, sondern ein Knöterichgewächs. Seinen Namen verdankt er den kleinen Samenkörnern, die an Bucheckern erinnern. Im Odenwald spricht man traditionell allerdings eher von Heidekorn, was im Dialekt dann zu Harekorn oder einfach Hare wird.

Während der Buchweizen für sehr lange Zeit nahezu aus den  deutschen Küchen verschwand, blieb er in anderen Ländern als Bestandteil bekannter Gerichte stets präsent. Man denke nur an Blini in Russland, Buchweizenpfannkuchen in Nordamerika oder an die Galette, die bretonische Variante der Crêpe. In Italien und Japan stellt man Nudeln– Pizzoccheri und Soba – daraus her. Und inzwischen bekommt man den Gluten freien Buchweizen auch wieder bei uns als ganze Körner, Grütze, Flocken oder Mehl.

 

Meine Versuchsanordnung für vier Personen

Odenwälder Semmede aus Buchweizenmehl

  • 200 g Buchweizenmehl
  • 200 ml Wasser
  • Salz
  • Butter
  • (50 g Dörrfleisch oder Speck, Variante)
  • Beilagen nach Belieben wie Milch, Buttermilch, Dickmilch, Obst, Apfelbrei, Dörrobst

 

So soll es gehen

Bringt leicht gesalzenes Wasser zum Kochen. Rührt das Mehl in das kochende Wasser und reduziert die Hitze. Jetzt rührt ihr mit einer Gabel den Teig für rund zehn Minuten ständig durch. Dabei sollten sich nach und nach unterschiedlich große Streusel bilden. Ihr könnt die Krümel gleich weiterverarbeiten.

Odenwälder Semmede aus Buchweizenmehl Erhitzt dazu Butter in einer Pfanne und schwenkt darin die Streusel an – es soll dabei keine Kruste entstehen. Mit den Beilagen auftischen und aufessen. Soweit die Theorie.

 

Meine Erfahrungen bei der Zubereitung

Odenwälder Semmede aus Buchweizenmehl Bei meinem Versuch haben sich Krümel aus Salzwasser und Mehl gebildet, aber auch ein großer Klumpen, den ich dann zerpflückt habe. In einem Artikel habe ich gelesen, dass man die Semmede auch mit gewürfeltem Dörrfleisch anbraten kann. Das habe ich dann auch versucht und bin zu einem würzigeren Ergebnis gekommen, das mir besser gefällt.

Odenwälder Semmede mit Dörrfleischbaus Buchweizenmehl Beim Anbraten soll sich ja keine Kruste bilden. Meine Semmede waren jedoch leicht karamellisiert und deshalb etwas knusprig. Aber ich fand das angenehmer als so lasche Miniknödel. Und Karl Schwinn schrieb dazu: Manche Hausfrauen ließen die gekochten Semmede erkalten. Erst dann wurden sie unter ständigem Rühren unter dauerndem Rühren gebacken. Fertig waren sie, wenn sie „wie Nüsse rappelten“.

 

Die Beilagen

„Zum Essen wurden die Semmede in Milch getunkt.“ Diese Information fand ich in einem Artikel aus dem Jahr 2003 über das Hotel zum Schwanen in Beerfelden. Andere Quellen sprechen davon, Buttermilch oder Dickmilch zu den Buchweizen-Streuseln zu reichen. Und Obst oder Apfelbrei. Ich habe dazu eine Dörrobst-Mischung aufgekocht und warm dazu gegessen.

 

Fazit – jetzt seid ihr  gefragt

Semmede mit Speck oder Dörrfleisch und dazu warmes Dörrobst und Dickmilch – das wäre meine augenblickliche Empfehlung. Diese Kombination aus süß und salzig kommt ganz gut.

Überhaupt glaube ich, dass durch kreative Variationen der Beilagen und die Finesse ihrer Zubereitung aus diesem fast vergessenen Arme-Leute-Essen eine moderne, regionale Speise werden kann, die zumindest jeden überraschen dürfte.

So, ich habe also getan, was ich konnte, habe aber keine Ahnung, wie nahe ich einer authentischen Version der Semmede gekommen bin. Deshalb frage ich euch: Wie geht es richtig? Gibt es Variationen? Wenn interessante Antworten kommen, starte ich gerne eine weitere Versuchsreihe und berichte darüber. Ich bin gespannt auf eure Antworten.

 

Quellen

  • Bergstraße Weinlesebuch, Johannes Hucke, Karlsruhe 2012
  • Speis und Trank im Odenwald. Karl Schwinn, Mörlenbach 1981
  • Odenwald Kulinarische Streifzüge, Weckbach/Sattler/Schnur/Reutter, Künzelsau 1994
  • Die Kost des gemeinen Volkes, AHGZ, 2003

Fotografie: Thomas Hobein

(Beim Kochen und Schreiben u.a. gehört: „Wishful Thinking“ von China Crisis)

2 Kommentare zu “Semmede

  1. Gisela Podetz

    ARCHIV aus den FN (Fränkische Nachrichten):
    SEMEDE

    Ein altes Rezept aus Schefflenz
    ARCHIVARTIKEL
    16. November 2015
    „Neckar-Odenwald-Kreis kulinarisch“ heißt ein vom Landratsamt Neckar-Odenwald-Kreis herausgegebenes Buch, das Koch- und Backrezepte mit Wissenswertem aus der Region vereint. Hier ein Rezept daraus: Semede: Zubereitung: In 1 bis 2 Liter kochendes Salzwasser gibt man 3 bis 6 Schäufele Mehl (1 Schäufele sind etwa 100 Gramm). Mit dem umgedrehten Holzkochlöffel werden Löcher in die Mehlklumpen gestochen (3 bis 6 Mal), damit von innen das Wasser hochschwallen kann. Auf kleiner Stufe rund 10 Minuten kochen lassen. Jetzt das Wasser vorsichtig abschütten, dann das Mehl im Topf mit dem Kochlöffel krümelig verarbeiten und abkühlen lassen. Im Öl, eventuell mit Speckwürfeln versehen, wird die Semede hellbraun gebacken. Wer mag, kann zur Geschmacksverbesserung grob geriebene gekochte Kartoffeln untermischen und mitbacken. Das Ganze mit Salz und Pfeffer würzen. Dazu passt Apfelbrei oder Milch.

    1. Thomas Hobein

      Super — vielen Dank für die Nachricht. Das werde ich mal ausprobieren.

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