Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Wo wilde Weibchen wohnten

So etwas, wie eine sagenhafte Mittagspause mit Butterbrot
Am Wildweibchenstein bei Laudenau im Odenwald

Im dichten Wald zwischen der Freiheit-Laudenau und der Ruine Rodenstein liegt direkt am Wegesrand der Wildweibchenstein. An dieser Granitfelsformation sollen einst zwei seltsame Frauen gelebt haben – die namensgebenden wilden Weibchen eben. Viele wunderliche Geschichten werden bis heute über sie erzählt, aber Genaues weiß niemand. Ich bin deshalb mal hin, habe aber niemanden angetroffen.

Ein Mittwoch-Mittag im Juli. Ich habe gerade Jürgen Katzenmeier in seiner „Essigmanufaktur zur Freiheit“ besucht, ausgefragt und fotografiert (Bericht folgt) – eben genau so, wie es meine Art ist. Als ich mich verabschiede, verrät mir ein Blick auf die Uhr, dass ich noch massig Zeit bis zu meinem nächsten Termin habe. Damit hatte ich ein wenig gerechnet und mich entsprechend vorbereitet, um gegebenenfalls diesen Wildweibchenstein, von dem ich so einiges gelesen habe, zu besuchen. Also fahre ich um die Ecke auf den Wanderparkplatz, schnappe mir Leberwurstbrot, Apfelschorle, die Kamera, „Das Buch Rodenstein“ von Werner Bergengruen und mache mich auf die Socken.

 

Ein kurzer Weg durch den Wald

Freiheit-Laudenau Ein letzter Blick nach Westen vom voll besetzten Parkplatz offenbart einen hellblauen Himmel und aufplusterte Wolken. Aber die erdigen, trockenen Farben des Bodens und der Felder heben dieses luftige an Eiscreme-Werbung erinnernde Versprechen von Frische schnell wieder auf und erzählen vom kommenden Herbst. Es ist ziemlich warm und die Luft steht still. Als ich aber in den Wald eintauche umgibt mich lebendiges Grün. Dort spendet die Gemeinschaft der Bäume kühlenden Schatten und erfrischenden Duft.

Am Wildweibchenstein bei Laudenau im Odenwald Der Weg nach Nord-West steigt leicht an, aber es sind nur wenige hundert Meter bis ich mein Ziel erreiche. Rechts vom Wegesrand erkenne ich die gesuchte Felsformation. Sie versucht sich halbherzig unter dichtem Moos zu verstecken, doch die Aufschrift eines Schildes an einem Baum verurteilt dieses Unterfangen gnadenlos zum Scheitern.

Am Wildweibchenstein bei Laudenau im Odenwald Vor mir präsentiert sich wild wuchernder Granit, geformt vom Wetter der Jahrtausende. Tatsächlich ist es aber nur die Spitze des Ganzen, denn nach hinten (Süden) fällt recht steil der baumbewachsene Berg ab aus dessen Erdreich sich immer wieder keck der Granit ans Licht bahnt. Und unten am Fuß sollen vor langer Zeit zwei wilde Frauen in einer Höhle gehaust haben.

 

Geschichten

Am Wildweibchenstein bei Laudenau im Odenwald Obwohl sie außerhalb jeglicher dörflichen Gemeinschaft lebten, suchten sie der Sage nach gelegentlich Laudenau auf und fragten die Dörfler nach Brot oder anderen zivilisierten Dingen. Und diejenigen, die etwas gaben, fanden am folgenden Tag silberne Löffel in der Schublade.

Einer anderen Erzählung nach, soll eine der beiden Frauen sehr schön gewesen sein, was einem Jäger nicht lange verborgen blieb. Die Folge des sich anschließenden Techtelmechtels waren ein gemeinsamer Sohn und der französische Abgang des Waidmanns. Einige Jahre später tauchte der Bursche aber wieder auf und aus den Dreien wurde eine Familie.

Nun sind „Wilde Leute“ ein häufiges Motiv im deutschen Sagenschatz. Dabei geht es um Menschen, die nicht in Dörfern oder Städten lebten, sondern im Wald. Das ist heute noch selten, war früher aber mehr als absonderlich. Denn der Wald war den Menschen früherer Zeiten so ganz und gar nicht geheuer. Da ging man nicht hin und wohnte dort schon gar nicht. Kein Wunder also, dass die „Zivilisierten“ den „Wilden im Wald“ magische Fähigkeiten sowie ein geradezu zauberhaftes Wissen um Natur und insbesondere Kräuter zuordneten. Und das den Wildweichen in Laudenau und Umgebung dergleichen nachgesagt wurde manifestiert sich in deren überliefertem Rätsel:

„Wenn die Bauern wüssten, zu was die wilden weißen Haiden und die wilden weißen Selben (Salbei) gut sind, dann könnten sie mit silbernen Karsten (das sind Hacken) hacken!“

Das Rätsel blieb ungelöst und deshalb benutzen die Laudenauer noch heute Hacken aus Eisen, sagt man. Weißen Salbei zu räuchern ist tatsächlich Bestandteil vieler schamanischer Zeremonien. So soll die Konzentration erhöht und ein Zugang zu einem höheren Bewusstsein erleichtert werden. Das alles deutet darauf hin, dass die Wildweibchen zu anderer Zeit und an einem anderen Ort wohl einem Hexenprozess zum Opfer gefallen wären, da sie nicht gerade dem christlichen Glauben folgten. Und genau da setzt auch Bergengruens Novelle „Rudolf von Rodenstein und die wilden Weibchen“ an – das ist die sechste Geschichte in seinem Werk „Das Buch Rodenstein“.

 

Das Buch Rodenstein

Das Buch Rodenstein
Das alles geht mir durch den Kopf, während ich mit der Kamera herumkraxele und den Wildweibchenstein von oben, unten, links und rechts fotografiere. Ganz runter gehe ich aber nicht, das ist mir Sesselpupser einfach zu anstrengend. Außerdem verdrängen Hunger und Durst jegliche Gedanken an weitere Klettereien. Ich pflanze mich auf einen der Böcke, mampfe mein Leberwurstbrot, trinke Apfelschorle und schlage Bergengruens Buch auf. Essen, Trinken und Lesen – das geht bei diesem Wetter an diesem Platz ganz prima, wobei das Buch durch seinen komplexen kunstvollen Stil für die heutigen Lesegewohnheiten ein wenig schwerer zu verdauen ist, mindestens aber eine gehörige Portion Konzentration erfordern. Vielleicht sollte ich etwas weißen Salbei räuchern.

Am Wildweibchenstein bei Laudenau im Odenwald Das wirklich lesenswerte Buch beinhaltet siebenundzwanzig unabhängig voneinander zu lesende Geschichten, die regionale Sagen aus dem Gersprenztal und der umliegenden Berge im Odenwald neu erzählen. Aber wie bei modernen Fernsehserien verbindet der Autor durch ein zentrales Thema alle Folgen untrennbar miteinander. Hier ist dieser rote Faden Hans von Rodenstein – der Rodensteiner. Auf diese Weise gelingt es Bergengruen, einem der meistgelesenen Schriftsteller der dreißiger und vierziger Jahre, einen dicht verwobenen Kosmos aus einst unabhängigen Geschichten zu konstruieren. So beschwört er das Bild einer Landschaft herauf, die von Menschen, Geistern und anderen seltsamen Wesen bevölkert ist. Das Bild einer Landschaft, die es so sicherlich nie gab, aber irgendwie doch. Denn der Schriftsteller erfindet nichts als er den Sommer 1925 bei seinem Schwager in Lindenfels verbringt. Er saugt einfach auf, was er bei seinen Wanderungen von den Menschen hört und in Archiven findet. Das erzählt er in seinen Worten neu, setzt es in einen gemeinsamen Kontext und „erfindet“ so das Spukland Rodenstein, in dem Christliches und Heidnisches, Erklärbares und Unerklärliches nebeneinander existieren und die Menschen damit klar kommen müssen.

So dreht sich seine Wildweibchengeschichte auch genau um all das. Vorchristliche Elemente wie die wilde Jagd (das ist nicht der Geisterzug vom Schnellerts zum Rodenstein) und die wilden Frauen –begegnen Rudolf von Rodenstein, dem Pfarrer aus Neunkirchen. Grausame Kälte trifft auf warmherziges Mitgefühl. Wer dabei jetzt aber auf klebrige Hollywood-Romantik hofft, liegt voll daneben. Bergengruen setzt nämlich konsequent auf magischen Realismus. Reales und Imaginäres verschmelzen zu etwas neuem, eben zu dieser Landschaft, die es so sicherlich nie gab, aber irgendwie doch. Zum Spukland Rodenstein.

Am Wildweibchenstein bei Laudenau im Odenwald So, das Brot ist alle, das Buch ist im Ranzen und ich muss los. Aber es sind ja nur wenige Minuten bis zum Auto. Darin ist es schön warm, also richtig schön warm. Fenster auf und ab. Ich durchfahre Laudenau in Richtung Reichelsheim, aber kurz vor Klein-Gumpen entdecke ich linker Hand Schloss Reichenberg. Das muss fotografiert werden.

Schloss Reichenberg bei Reichelsheim im Odenwald

Tipp: Das Buch Rodenstein erschien erstmals 1926 oder 1927 (ich habe widersprüchliche Angaben gefunden) und wurde nach dem zweiten Weltkrieg durch den Autor um einige Novellen auf den heutigen Umfang von siebenundzwanzig Geschichten erweitert. Die Abbildung oben zeigt auf der linken Seite meine Ausgabe des Inseltaschenbuches von 1996, das nur noch antiquarisch zu bekommen ist.

2018 hat die Interessengemeinschaft Heimatmuseum Rodenstein e.V das Buch neu aufgelegt, illustriert durch Scherenschnitte von Albert Völkl (Rechte Abbildung). Diese Neuausgabe ist in Fränkisch-Crumbach im Heimatmuseum Rodenstein und der Buchhandlung Hopala erhältlich sowie in zahlreichen Buchhandlungen in Südhessen. Um den sagenhaft historischen Stoff auch jungen und junggeblieben Lesern zugänglich zu machen, gibt es auch den Comic „Der Ritter von Rodenstein“ – mit nostalgischer Titelseitenoptik, angelehnt an die Sigurd-Piccolos des Lehning Verlags aus Hannover.

Comic – Der Ritter von RodensteinFotografie: Thomas Hobein

(Beim Schreiben u.a. gehört: „Sleeping With the Lights On“ von Teitur)

 

 

 

 

 

 

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