Kulinarische Abenteuer im Odenwald und an der Bergstraße

Der Handwerker

Christoph Oesswein, Azubi der Odenwälder Winzergenossenschaft
Christoph Oesswein im Keller der Odenwälder Winzergenossenschaft vinum autmundis

Vom Fleischermeister zum Weintechnologen – ich habe mich mit Christoph Oesswein mal über seine Berufswahl und so einiges anderes unterhalten.

Sauwetter in Groß-Umstadt. Nass und windig. Und zu spät bin ich auch dran. Neun Uhr hatte ich in meine Kladde geschrieben, zehn Uhr in mein Hirn gebrannt. Mein Hirn hat zwar zweifelsohne Superkräfte, aber die tendieren manchmal gegen Null, wenn es um Zahlen geht.

 

Christoph Oesswein lernt oben im Keller

Christoph Oesswein im Keller der Odenwälder Winzergenossenschaft vinum autmundis

Die Dame im Verkauf der Odenwälder Winzergenossenschaft meldet mich telefonisch an und sagt, dass Kellermeister und Azubi gleich runterkommen. Der Keller liegt nämlich oben in Groß-Umstadt. Hier steht zwar keiner Kopf und physikalische Absonderlichkeiten lassen sich auch nicht feststellen, nur eben bauliche Besonderheiten.

Da ich nicht zum ersten Mal vor Ort bin, gehe ich den beiden entgegen und erklimme die Treppe nach oben. Auf diesen Stufen wurde ich einst fotografierend von hungrigen Massen überrannt, die sich ihre Plätze und Portionen bei einer Verkostung namens „Wein und Meer“ sichern wollten. Denn nicht nur der Keller liegt hier oben, sondern auch die Veranstaltungsräume der Winzergenossenschaft.

Wir pflanzen uns in den kleineren der beiden Räume. Der Auszubildende, Jahrgang 1985, schlüpft noch in eine frisch gebügelte blau-weiß-gestreifte Küferbluse mit Logo. Kellermeister Kronenberger besteht aber darauf, dass er eine Nummer größer nimmt. Dann babbeln wir los.

 

Warum gerade der?

Christoph Oesswein im Keller der Odenwälder Winzergenossenschaft vinum autmundisDas ist eine meiner Lieblingsfragen. Die stelle ich Kellermeister Kronenberger, während Christoph noch mit seiner Bluse beschäftigt ist. Der erzählt aber sichtlich unbeeindruckt von meinem Überfall, wie es dazu kam.

Während der Lese im September 2016 half Christoph Oesswein an der Traubenannahme aus, also dort wo die Winzer ihre Erträge abliefern, die dann im Keller der Winzergenossenschaft verarbeitet werden. Das machte er so zuverlässig und gewissenhaft, dass aus der Aushilfstätigkeit eine Festanstellung wurde. Und aus der wiederum wurde ein Jahr später ein Ausbildungsvertrag. Aus dem Fleischermeister wurde ein Auszubildender.

Wie in allen Berufen hat man mit abgeschlossener Ausbildung natürlich bessere Möglichkeiten und Verdienstchancen. Aber hier erwartet den Quereinsteiger noch eine besondere Rolle: Seit 1981 prägt Kellermeister Jürgen Kronenberger die Weine dieser Winzergenossenschaft, hat sie erst zur heutigen Qualität geführt und jetzt nähert er sich dem Ruhestand. Aus diesem Grund wird bereits ein Nachfolger für ihn gesucht, der noch einige Zeit mit ihm zusammen arbeitet. Und Christoph Oesswein wird mit seinen Betriebskenntnissen dabei helfen, einen nahtlosen Übergang zu ermöglichen.

Aber auch ganz generell sind die Perspektiven für den angehenden Weintechnologen nicht schlecht, erfahre ich. Es will zwar jeder Wein trinken, aber machen will ihn fast niemand mehr. Das ist nämlich echte Arbeit, draußen bei Wind und Wetter und drinnen im feuchten Keller. Und da kommt eben ein warmes Plätzchen am PC für die meisten einfach besser.

Jürgen Kronenberger macht sich dann wieder an seine Arbeit und ich beharke meinen Gesprächspartner mit weiteren Fragen.

 

Christoph Oesswein ist kein Schreibtischtäter

Christoph Oesswein im Keller der Odenwälder Winzergenossenschaft vinum autmundisEr wurde 1985 in Darmstadt geboren, lebt heute aber in Groß-Zimmern. Großstädte sind nichts für ihn, sagt er. Draußen ist meins. Er braucht Platz, seine Streuobstwiesen mit alten Apfelsorten und seinen alten Traktor. An seinem Fendt Diesel, Baujahr 1957, schraubt er und fährt auch zu Treffen mit Gleichgesinnten.

Der Mann will nicht ins Büro, wie die meisten. Morgens in guten Klamotten zur Arbeit und abends sauber heimkommen. Er will was schaffen. Mit den Händen. Deshalb lagen wohl auch die Ausbildung zum Fleischer und die folgende Meisterprüfung im Jahr 2006 nahe. Doch so ganz das Richtige war dieser Beruf wohl nicht, denn in der Folge hat er so einiges ausprobiert – vielleicht nur, um zum richtigen Zeitpunkt hier in Groß-Umstadt zu landen.

Was ihm hier wirklich gut gefällt, ist das Feedback auf die Arbeit, auf die Weine. Wie man auf Prämierungen und internen Weinproben über die Weine spricht, sie beurteilt und bewertet. Auch, wenn die Aussagen mal überraschend ausfallen.

Man muss hinter dem Produkt stehen. Wenn er von seiner Arbeit hier in der Genossenschaft berichtet, wird seine Stimme fester. Kommt er auf Barrique-Weine zu sprechen, schwingt ein Lachen mit. Und von den kleineren Reparaturen an den Maschinen, erzählt er nicht ohne Stolz.

  

Die Ausbildung zum Weintechnologen

Christoph Oesswein im Keller der Odenwälder Winzergenossenschaft vinum autmundisWeintechnologen und -technologinnen lernen in der Ausbildungszeit die Grundsätze der Herstellung von Wein, Traubensaft sowie weinhaltigen und weinähnlichen Getränken.

Der duale Ausbildungsverlauf entspricht dem der klassischen Handwerksberufe und findet in der Berufsschule und im Betrieb statt. Die Regelzeit beträgt drei Jahre. Christoph konnte die Zeit auf zwei Jahre verkürzen, da er bereits in einem anderen Beruf den Meistertitel trägt.

Die Berufsschule besucht er blockweise in Oppenheim. Seine Klasse besteht aus nur zehn Auszubildenden, der älteste davon ist siebenundvierzig. Dementsprechend ist der Mann aus Groß-Zimmern wohl nicht der einzige Quereinsteiger. Und die geringe Anzahl an Auszubildenden zeigt deutlich: Die Arbeit rund um den Wein verliert schnell jegliche Romantik, wenn man sie nicht nur auf youtube bewundert, sondern sie tatsächlich erledigen muss.

 

Was die Buddies zur Berufswahl sagen

Christoph Oesswein im Keller der Odenwälder Winzergenossenschaft vinum autmundis

Ja, cool. Das sagen die. Weck, Worscht und Woi, kannst du  jetzt alles selber machen. Macht er auch gern. Und hin wieder im Freundeskreis ein Fläschchen auf. Dann wird gemeinsam geschnuppert und gesüffelt. Für einen guten Zweck. Für den Genuss. Und aus eigener Überzeugung, denn wie gesagt: Man muss hinter dem Produkt stehen.

 Im Juni 2019 – also recht bald – steht für meinen Gesprächspartner die Prüfung an. Christoph Oesswein bereitet sich vor. Doch jetzt machen wir erst mal Fotos von ihm. Oben im Weinkeller. Denn draußen ist ja Sauwetter. Nass und windig.

Christoph Oesswein im Keller der Odenwälder Winzergenossenschaft vinum autmundis

Er schnappt sich – ganz winzermäßig – für die Fotos gleich ein Weinglas und ein Fläschchen. Ich nehme ihm beides wieder weg. Das geht auch ohne, sage ich und platziere ihn auf einem Fass im Barrique-Keller. Das ist nicht sonderlich bequem, kommt aber ganz lässig. Wie sein Beruf. Auf der Weininsel im Odenwald. Bei der Winzergenossenschaft vinum autmundis. In Groß-Umstadt.

Fotos: Thomas Hobein

(Beim Schreiben u.a. gehört: „Running Up That Hill“, aber nicht von Kate Bush, sondern von Placebo)

 

Das Thema in Serie: The Next Generation

 Die fortschreitende Industrialisierung und sicherlich auch die Digitalisierung unseres Lebens tragen dazu bei, dass traditionelle Handwerksberufe wie Bäcker, Konditor, Metzger und viele mehr vom Aussterben bedroht sind. Dazu kommt im Odenwald – wie in allen ländlichen Gebieten – die Flucht der jungen Leute in die verheißungsvolle Stadt mit der Aussicht auf „attraktive“ Jobs und abwechslungsreiche Freizeit. Die Folgen all dessen sind bereits deutlich zu sehen: durch eine überalterte Landbevölkerung, den Fachkräftemangel (gerade im Gastronomiesektor) oder durch Betriebe ohne Aussicht auf Fortführung, wenn die Betreiber in Rente gehen.

 Dennoch gibt es Nachwuchskräfte, Quereinsteiger, Stadtflüchtlinge und Heimkehrer, die ihre Zukunft in Südhessen gestalten wollen. In dieser Serie stellen wir  in loser Folge einige dieser Frauen und Männer vor, die traditionelle Berufe in der Region ausüben und somit ihren Teil leisten, hier ein gutes Stück Kultur und Lebensqualität zu erhalten, ein gutes Stück Heimat eben.

 Lest zum gleichen Thema:

Einer von hier – Patrick Hofmann, Betriebsleiter der Molkerei Hüttenthal

Das Brauen im Kopf – Nico Leffler, Brauer und Mälzer bei der Privat-Brauerei Schmucker

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